"Die Sterne": Rückbesinnung auf den Blick nach vorn
Hamburg. Der Sender Viva war noch jung, als 1994 vier Typen auf der Bildfläche erschienen. "Die Sterne" aus Hamburg. Wie vergessene Statisten wirkten sie in ihren Second-Hand-Klamotten. Mit Gesten, die es vermieden, sich zu produzieren. Anti-telegen. Frank Spilker erzählte im Video zu "Universal Tellerwäscher" von einem modernen Hanswurst. Wie ein windschiefer Baum wirkte der Sänger und Gitarrist. Er nöhlt, statt zu singen. Thomas Wenzel spielte den Baß. Lässig, akzentuiert. Christoph Leichs Schlagzeug schepperte kraftvoll. Und Frank Wills Orgel brachte zum Rock den Funk.
Seit 2002 bedient Richard von der Schulenburg die Tasten. Doch weiterhin stehen die "Sterne" nicht nur für eine tanzbare Kombination aus Gitarre und Groove. Seit Gründung der Band 1992 zeigt Spilker in seinen Texten soziale und private Bruchstellen auf, hinterfragt, nervt, wenn's sein muß. Auf ihrem neuen, achten Studioalbum "Räuber und Gedärm" verpackt das Quartett seine Themen in einen Sound, der dreckiger nach vorne drängt als beim Vorgänger "Das Weltall ist zu weit".
Daß die "Sterne" so wuchtig klingen, liegt nicht nur an neuen Referenzen wie "Franz Ferdinand" und "Arctic Monkeys", oder an wiederentdeckten Einflüssen, etwa "Gang Of Four" und "Talking Heads". Der Live-Charakter der Platte zeugt vom "neuen Bandgeist". Zu zwei Probensessions verließen die Musiker die Stadt, entwickelten im Kollektiv neue Stücke. "Inhaltliche Diskussionen sind außerhalb Hamburgs leichter möglich und viel intensiver. Das ist, als ob alles in der WG-Küche besprochen wird", erzählt Spilker während des Interviews im Cafe Karo-Ecke an der Marktstraße.
Im Juni 2005 mieteten sich die "Sterne" bei Freunden in Tabor ein - Aussteiger aus San Francisco, die in der tschechischen Kleinstadt ein Kulturzentrum betreiben. Zweite Station war das nordfriesische Fresenhagen. Letzter Wohnsitz des 1996 verstorbenen Politrockers Rio Reiser, heute idyllisches Gästehaus. "Da gibt's nur Maisfelder", sagt Spilker. Mit Zitaten wie "Allein machen sie Dich ein" hat er sich immer wieder auf "Ton Steine Scherben" bezogen. Die Ortswahl hatte jedoch eher pragmatische Gründe.
"Es gibt wenige Möglichkeiten, irgendwo günstig zu wohnen und zu proben", sagt Spilker. "Klar, wenn man in Fresenhagen Musik macht, müßte der Mythos abfärben, aber ich halte das für Unsinn." Die Band fand ihren eigenen Rhythmus. Neben zwei Proben täglich gingen die "Sterne" viel spazieren, machten Ausflüge. "Man muß aufpassen, sich nicht zu sehr zu zwingen", sagt Spilker über das Songwriting. "Wir haben angefangen mit kleinen Ideen, etwa ein Baß wie bei ,Räuber und Gedärm'." Auch die punktuell gespielte, dann beherzt quängelnde Orgel bei "Aber andererseits" existierte als Baustein, auf den die restliche Band reagierte.
Ein "Ja-Nein-Spielchen" ist diese erste Singleauskopplung für Spilker, das "Vorstadium einer Entscheidung". Ein innerer Monolog des reizüberfluteten homo sapiens. "Es gibt Stunden, wo ich hilflos vor Supermarktregalen stehe und nicht weiß, ob ich Produkt A oder B nehmen soll", erklärt Spilker. Neben alten Songs wie "Rockmühle" oder "Trrrmer" thematisiert auch das aktuelle "Es gibt nichts Spannenderes", wie die Warenwelt das Handeln prägt. Zu monotonem Trommeln simuliert Spilker, wie Menschen Angeboten hinterherhecheln. "Schnäppchenjagd wird als Spaß verkauft, geschieht aber letztlich aus einer Notlage heraus, weil kein Geld da ist", meint Spilker.
Der Texter ist keiner, der konkret Mißstände anprangert. Vielmehr sucht er einen Nenner im Abstrakten. Ob er mit jugendlicher Provokanz fordert "Es könnte noch mehr knallen" oder ob er das Altern in gesellschaftlichen Kontext rückt, wenn er singt: "Und egal, wie viele Päpste sterben, es ist noch nicht vollbracht, du bist wohl immer noch nicht nah genug am Pol der Macht".
Auch 14 Jahre nach Bandgründung ist der "Sterne"-Kosmos ein offener: Die Band trug zu Soundtracks bei, für Filme wie "Im Juli" oder "Verschwende Deine Jugend". Zudem liest Spilker im Polittbüro, das nächste Mal trägt er - u. a. mit Lisa Politt und Rocko Schamoni - Chansons und Glossen von Walter Mehring vor. Und das Video zur Single inszenierten die "Sterne" als Performance in einer Kölner Galerie. Ihre Köpfe ragen aus einer Plattform hervor, über die die Besucher laufen. Männer ohne Unterleib. Nicht gerade telegen. Aber sehenswert.



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