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Der Ketzer, den die Kinder lieben

Janosch: "Ich habe Gott, den Krieg und den Dauersuff überlebt", sagt der Zeichner und Buchautor. Jetzt wird er 75. An der Kunstakademie fiel er "mangels Talent" durch - und wurde Millionär. Oldenburg, wo er als Textilmuster-Zeichner begonnen hatte, widmet ihm ab Sonntag eine Ausstellung.

Oldenburg. Er führt mit meilenweitem Vorsprung die lange Liste der deutschen Kinderbuchautoren an, jener Zeichner, dem ein einziger Name genügt und der inzwischen zum Markenzeichen geworden ist: Janosch. Seine selbstillustrierten und -getexteten Titel zeigen eine heile Kinderwelt, handeln von Freundschaft und Treue, Geborgenheit und Toleranz. Der geistige Vater von Tigerente und Hannes Strohkopp, Leo Zauberfloh und Frosch, Emil Grünbär und dem kleinen Tiger, Lari Fari Mogelzahn und Antek Pistole und wie sie alle heißen, ist fünffacher Auflagenmillionär, dessen rund 150 Titel in mehr als 40 Sprachen erschienen sind und der längst eine eigene Verwertungsgesellschaft unterhält.

Von Janosch gibt es die berühmte Tigerente als Schaukelpferd. Das Angebot reicht von Kinderpostern über Postkarten und Kalender bis zu Katalogen, in denen die bekanntesten Helden seines umfangreichen, liebenswerten Bestiariums auf Bettwäsche, Geschirr und Kleidungsstücken angeboten werden.

Diesem Meister der heilen Kinderwelt hat das Oldenburgische Landesmuseum nun zu dessen Geburtstag am 11. März eine Ausstellung gewidmet, die an diesem Sonntag eröffnet wird und die in 200 Beispielen alles Wesentliche zeigt, was Janosch je zu Papier gebracht hat: "Janosch wird 75 - wir gratulieren."

Warum gerade Oldenburg als Stätte der Retrospektive, wo doch Janosch aus Polen stammt und allgemein München als seine künstlerische Heimat gilt (obwohl er seit 26 Jahren auf Teneriffa lebt)? Die Antwort ergibt sich aus seiner Vita; nach der Aussiedlung aus dem oberschlesischen Zaborze (Hindenburg), wo er noch eine Schmiede-Lehre begonnen hatte, verschlug es den 14jährigen Horst Eckert - so lautet Janoschs bürgerlicher Name - nach Kriegsende in die Stadt an der Hunte, wo er in einer Textilfabrik jobbte. An der Textilfachschule Krefeld wurde er anschließend als Musterzeichner ausgebildet und fand bis 1953 in einer Weberei Beschäftigung.

Gegen die Jahre in Polen muß es für den Sohn eines ungelernten Hüttenarbeiters, der von den Großeltern erzogen wurde, weil der Vater regelmäßig betrunken war und den Sohn ebenso regelmäßig verprügelte, das Licht am Ende eines grausam langen Tunnels gewesen sein. Janosch hat sein Schlesien in mehreren autobiographisch geprägten Romanen ("Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm", "Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben", "Polski Blues") immer wieder beschrieben, und stets auch lautete die Quintessenz über die Leute in seiner Heimat: "Was ihnen bleibt, ist ein kalter, böser Fetzen Erde, in dem die Geburt eine Strafe, der Alkoholrausch eine Erleichterung und der Tod die Erlösung davon ist".

In München schließlich begann 1953 Janoschs Lebensmärchen. Und wie in einem Grimmschen Stoff erlitt er in der Verwirklichung seines Lebensziels - nämlich Maler zu werden - zunächst eine Niederlage nach der anderen. Zwar durfte er mehrere Probesemester an der dortigen Kunstakademie studieren, doch jedesmal fiel er "mangels Talent" durch die Prüfungen.

Das Glück kam in der Person des Autors und Verlegers Georg Lentz, der den jungen Eckert auf dessen entbehrungsreicher "Suche nach Überlebensmöglichkeiten" - so Janosch später - nicht nur zu dessen erstem Kinderbuch ermunterte ("Die Geschichte vom Pferd Valek"), sondern ihm nach dem ebenso erfolgreichen zweiten ("Der Josa mit der Zauberfiedel") zu dem Künstlernamen Janosch riet.

Und als 1979 endlich Janosch für "Oh wie schön ist Panama" mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde und der WDR den Stoff sogleich beim Autor als Trickfilm bestellte, nahm eine einzigartige Karriere ihren Lauf. Der Kölner Sender produzierte bald darauf mit "Janoschs Traumstunde", einer 13teiligen Reihe mit dessen schönsten Geschichten, die bis dahin aufwendigste deutsche Trickfilmproduktion.

Der Künstler erwarb bald ein Anwesen in den Bergen auf Teneriffa, wo er bis heute - abseits der Menschen und des Trubels - lebt und arbeitet. Er hat soviel Geld, daß er es nicht ausgeben kann. "Innerlich ist Geld mir ekelhaft", hatte er vor zwölf Jahren Abendblatt-Reporter Mathes Rehder gegenüber behauptet, "äußerlich freue ich mich unheimlich darüber. Es liegt bei mir in einem Karton. Wenn ich etwas brauche, hole ich es mir heraus. Und ansonsten: Es ist unheimlich schön, aber es ist eklig. Es gibt einem die Freiheit, die einem sonst keiner gibt."

Wie der andere, doch wahre Janosch wirklich ist, hat er in zwei autobiographischen Romanen zu beschreiben versucht. In "Gastmahl auf Gomera" berichtet er einem fiktiven Reporter von seiner schweren Kindheit, seinem Alkohol-Problem und seinem steinigen Berufsweg von Oldenburg über München auf die Kanaren. Und radikaler noch geht er mit sich selbst in "Von dem Glück, als Herr Janosch überlebt zu haben" (Merlin-Verlag 1994) mit sich um: "Jeden Tag, den ich leb', habe ich überlebt", erzählte er seinerzeit dem Abendblatt, "ich könnte genausogut jetzt tot sein. Erstens habe ich Gott überlebt, der mich die ganze Kindheit über bedroht hat - der größte Alptraum meines Lebens als Kind war Gott. Zweitens habe ich den Krieg überlebt - und den Dauersuff habe ich auch überlebt." Im übrigen will er - wie er unlängst in einem "Playboy"-Interview behauptete - einen großen Teil seiner berühmten frühen Werke "als Trinker im Rausch" verfaßt haben. Und die berühmteste seiner Figuren, die Tiger-ente, habe er von Friedrich Karl Waechter abgekupfert.

Auch in seinen Illustrationen - typisch sein naivisierender Stil mit leuchtenden Farben - ist Janosch nicht immer der "gute Märchenonkel". Er will Ketzer sein. Seine - nicht immer positiv besprochenen - Romane und seine Theaterstücke nennt er Hauptwerke, seine Kinderbücher bezeichnete er einmal als "Kitsch, Schund und Dreck".

Wie auch bei seinem Kollegen Tomi Ungerer (mit dem er 1990 "Das goße Buch vom Schabernack" verfaßte) dürfen Erotica in Janoschs Oeuvre nicht fehlen. Er illustrierte einige Marquis-de-Sade-Geschichten sowie einen Charles-Bukowski-Zyklus. Einige Beispiele wie die Phantasie "Sie liebte einen Vogel" haben in der Oldenburger Ausstellung ebenfalls ihren Platz. Ob Ketzer oder Künstler - Kinder wie auch viele Eltern dürften in der Schau ihre Erinnerungen an erste spannende und überraschende Leseerlebnisse auffrischen.

 

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