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Kultur & Live

Wieder nach den Sternen greifen

Heimat Weltall: Ein Vortrag im Planetarium Hamburg. Neue Utopien braucht der Mensch: Der Hamburger Autor Hans-Arthur Marsiske plädiert dafür, daß wir nicht global, sondern kosmisch denken.

Hamburg. Sie sind großformatig und doch auf den ersten Blick unspektakulär, die Sternenbilder von Thomas Ruff, die zur Zeit in der Ausstellung "Rückkehr ins All" in der Galerie der Gegenwart der Kunsthalle zu sehen sind. Und dennoch kann sich der Betrachter in diesen nüchternen Himmelsausschnitten, die mit Hilfe der Europäischen Südsternwarte (ESO) entstanden, gedanklich verlieren, denn die Aufnahmen des Sternenmeeres haben viel phantasieanregendes Potential. Und sie lassen erahnen, wie unmittelbar unsere Vorfahren den Sternenhimmel sahen.

Ein Anblick, der uns abhanden kommt - ebenso wie die kühnen, frei fliegenden menschlichen Phantasien und die allgemeine Fertigkeit, die Himmelsbilder zu lesen. "Dieses einzigartige Kulturerbe, das uns seit unseren frühesten Anfängen begleitet, versinkt mehr und mehr im Lichtermeer der Großstädte", schreibt der Autor Hans-Arthur Marsiske in seinem Buch "Heimat Weltall: Wohin soll die Raumfahrt führen?" (Suhrkamp, 9 Euro). Mit anderen Worten: Wir glauben, deutlich zu sehen, und berauben uns dabei der Chance, den eigenen engen Horizont zu erweitern.

Eine Entwicklung, die sich auch in der Raumfahrt widerspiegele, meint Marsiske, der die große Ernüchterung nach der Euphorie der ersten Mondlandung von Apollo 11 am 20. Juli 1969 beschreibt: "Es ging alles so schnell damals, und es scheint, als seien wir von unseren eigenen Fähigkeiten überrascht gewesen", sagt er. "Apollo hatte das Tor zum Weltraum weit aufgestoßen, aber es fehlte dann die Kraft, auch hindurchzugehen." Zudem, so glaubt Marsiske, hatte die Mission den überraschenden Nebeneffekt, die Erde wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken: "Die Bilder aus dem All zeigten die Begrenztheit und die Verletzbarkeit unseres Planeten und begründeten ein stärkeres ökologisches Bewußtsein. Es ist kein Zufall, daß schon bald Organisationen wie der Club of Rome oder Greenpeace entstanden." Und auch die Raumfahrt, so Marsiske, habe sich zunehmend an eher irdischen Zielsetzungen orientiert - an wissenschaftlichen, ökonomischen und militärischen: "Niemand will in den Weltraum, um hinterher besser Auto fahren zu können - das All lockt nicht, weil es nützlich ist."

Warum er selbst kosmisch und nicht nur global denkt, das will Marsiske morgen im Planetarium mit seinem Vortrag "Heimat Weltall: Wie könnte die Zukunft im Weltall aussehen?" erklären. "Ich sehe keine Alternative zur Raumfahrt", sagt er und meint, daß die Menschheit nicht allein wegen der begrenzten irdischen Ressourcen und der Überbevölkerung neue Welten erkunden und besiedeln muß. Deshalb will er Visionen für die bemannte Raumfahrt vorstellen, die von der Besiedelung des Mondes als Basisstation über Städte im All bis hin zum Terraforming, dem Umbau ganzer Planeten, reichen. Das alles ist keine Science-Fiction, sondern basiert auf wissenschaftlichen Planspielen.

"Es ist klar, daß wir nur in kleinen Schritten vorankommen, aber man muß wissen, wohin es gehen soll", sagt Marsiske. "Es darf jedenfalls nicht so sein, daß wie 2003 beim Unglück des Spaceshuttles ,Columbia' sieben Menschen umkommen und kaum jemand außerhalb der engeren Raumfahrtszene weiß, was die Mission für Aufgaben hatte."

Marsiske hält nach dem gegenwärtigen technologischen Stand sogar eine bemannte Mission zum Mars ("den alten Menschheitstraum") für möglich - aber es fehle am politischen Willen. Dabei könnte ein solches Unternehmen nur als übernationales Projekt gelingen - und wäre eine Chance, weil es verwirklichen müßte, was auf der Erde oft nicht funktioniert: grenzenlose Gemeinschaft. Die entscheidende Frage wäre also, wann die Menschheit ihre Ängste vor dem Ungewissen, vor Grenzen- und Schwerelosigkeit überwunden und ihren Horizont genug erweitert haben würde: "Raumfahrt mag technologisch anspruchsvoll sein. Aber wirklich herausfordernd sind ihre kulturellen Dimensionen."

  • Heimat Weltall: Wie könnte die Zukunft im All aussehen? 27.1., 19.30 Uhr, Planetarium HH, Hindenburgstraße 1 b, Tel. 4288652-10; Eintritt 7 Euro (erm. 4,50 Euro); www.planetarium-hamburg.de

    - Bis zum 12. Februar läuft in der Galerie der Gegenwart der Kunsthalle noch die Ausstellung "Rückkehr ins All", di-so 10- 18 Uhr, do bis 21 Uhr, mo geschlossen.

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