Schwarze Priester des Elektropop
Color-Line-Arena: Depeche Mode begeisterte. Schöne dunkle Lieder über Liebe, Klaustrophobie und Verrat - ein furioses zweistündiges Konzert mit fünf Zugaben.
Hamburg. Wo er kann, umgeht der Mensch den Schmerz. 15 000 von ihnen haben sich an zwei Abenden anders entschieden. Doch wenn schon, dann wenigstens Verzweiflung mit Stil. "Pain And Suffering In Various Tempos" versprach Depeche Mode auf ihrem aktuellen Erfolgsalbum "Playing The Angel" und als Motto der dazugehörigen Tournee. Gleich zweimal hat die Band ihre düsteren Soundteppiche in der seit Monaten ausverkauften Color-Line-Arena ausgelegt. Und ihre Fangemeinde damit statt zu Tränen zu einer glitzernden, hymnischen Feier hingerissen.
"Hello", rattert es schlicht über das digitale Leuchtband auf einer silbernen Weltraumkugel. Später setzen "Sex", "Pain", "Angel", "Love" und "Vice" die dunklen thematischen Wegmarken des Abends. Beim Bühnendesign hat sich Fotokünstler Anton Corbijn in Beam-Me-Up-Pulten, Videosplitterwänden mit verstörend naiven Motiven und einem Meer aus funkelnden Sternen ausgetobt.
Auftritt Sänger Dave Gahan. Rampensau, Messias und notorisch zum Abgrund driftender Bandit mit dem hämmernden "A Pain That I'm Used To". Immer auf der Flucht vor den leidlich gezähmten eigenen Dämonen tänzelt der bald schon halbnackte Gahan katzenhaft über die Bühne. Ohne ihn geht bei Depeche Mode nichts. Er sorgt für den Rock 'n' Roll. Für alles andere sorgt der Kopf der Band, der anrührend verschrobene Martin Gore. Unschwer an seiner exzentrischen Kostümierung als schwarzes geflügeltes Vogelwesen zu erkennen. Seine Darbietungen "Home" und "Damaged People" belegen, daß er schon immer besser dichten als singen konnte, doch die Menge kniet ergriffen nieder. Gemeinsam mit Andrew Fletcher, der sich wie immer stur an seinen Tasten festhält und den Tourmusikern Peter Gordino, Keyboard, und Christian Eigner, Drums, zelebrieren sie ihre nachtblaue Romantikmesse. Die Menge saugt jede Predigt, ob neue Songs oder die Alltimeklassiker "World In My Eyes" oder "Personal Jesus" begierig auf. Und wird mit einem furiosen zweistündigen Konzert, fünf Zugaben und einer Umarmung der über lange Jahre in Egomanien getrennten Figuren Gahan und Gore belohnt. Es bleibt etwas Geheimnisvolles um diese Band, die zu einer der besten Liveacts überhaupt wuchs, Stadien füllt und bei alldem immer seltsam subversiv blieb.
Für rund 50 Besucher, die ihre Tickets bei Ebay ersteigert hatten, endete der Abend statt an der Biertheke am Polizeistand, wo sie Anzeige gegen den bereits ermittelten Kartenfälscher erstatteten. Eine Hoffnung bleibt ihnen in dieser dunklen Stunde. Für das Open-air-Konzert am 5. Juni in Bremen gibt es noch Karten. Vorher lädt das Zeise-Kino zum stilvollen Leiden am kommenden Sonntag in einer Latenight.



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