Die Zukunft hat schon begonnen
Wissen für alle: Was die Öffentlichen Bücherhallen den Hamburgern zu bieten haben (Teil 9 und Schluß). Der Mensch und das Buch sollen auch künftig das Maß aller Dinge in Hamburgs Bibliotheken bleiben.
Hamburg. Zwischen der Ackerknechtschrift und der Radiofrequenztechnik liegen Welten - aber nur 30 Jahre. Ilona Glashoff, die Leiterin der zentralen Bibliotheksdienste der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen (HÖB), erinnert sich gut daran, wie noch in den 70er Jahren Buchbestellungen abgewickelt wurden: auf Katalogkarten mit mehreren Durchschlägen, handgeschrieben nach Bibliothekarsnorm - eben in der sogenannten Ackerknechtschrift.
In der Zwischenzeit haben diverse technische Revolutionen das Bibliothekswesen durcheinandergewirbelt. Eine der größten aber steht in Hamburg in diesem Jahr an: Im Herbst soll in der Zentralbibliothek ein Selbstverbuchungssystem gestartet werden. Mit Hilfe der Radiofrequenztechnik, kurz RFID (Radio Frequency Identification), wird jeder Nutzer Bücher selbständig und ohne Hilfe von Bibliotheksmitarbeitern ausleihen und auch wieder zurückgeben können. Im Frühjahr beginnen Ein-Euro-Kräfte damit, die 1,8 Millionen Medien mit Etiketten zu bekleben, die eine Antenne sowie einen Chip mit ausschließlich einer Buchungsnummer enthalten. Bis 2008 soll das ganze System umgestellt sein. Schöne neue HÖB-Welt?
Bernd Ingwersen leitet die Abteilung Organisation und EDV in der HÖB in der Zentrale am Hühnerposten, in der RFID vorbereitet wird. Er hat sich Bibliotheken in Wien und Stuttgart angesehen, die bereits mit der Radiofrequenztechnik arbeiten. Auch die Musterbibliothek in Haarlem bei Amsterdam, die so vollautomatisiert ist, daß sie ganz ohne Menschen auskommt - abgesehen vom Wachpersonal am Ausgang. Wien und Stuttgart haben ihn überzeugt, Amsterdam nicht. "Der Mensch ist für die Bibliothek unverzichtbar", sagt Ingwersen. "Sie lebt von Spezialisten, die jede Information besorgen können."
Aber auch Technik ist unverzichtbar, fügt Ingwersen hinzu: "Die Entlastung sichert, daß die HÖB nicht immer mehr Bibliotheken schließen müssen." Wichtig ist, daß der Fortschritt nicht gegen den Menschen, sondern für ihn arbeitet. Deshalb wird die RFID-Einführung, die der Senat als Pilotprojekt mit vier Millionen Euro unterstützt, auch in enger Abstimmung mit dem Datenschutzbeauftragten vorbereitet. "Wir wollen nicht das Technisch-Mögliche", verspricht Ingwersen, "sondern das Vernünftige."
In der technischen Medienbearbeitung stapelt sich das, worauf es bei den HÖB ankommt: Bücher, Hörbücher, DVDs. Hier werden alle neuen Medien mit Barcodes, Stempeln und Signaturen versehen, manche auch noch foliiert. Auf die Frage, wie viele Arbeitsschritte ein Buch ausleihfähig machen, antwortet eine emsige Mitarbeiterin kurz und knapp: "Zu viele."
Ilona Glashoff ist als Leiterin der zentralen Bibliotheksdienste für Erwerbung und Erschließung von Medien verantwortlich - also auch dafür, daß neue Medien möglichst rasch, dem Bedarf jeder Bücherhalle entsprechend, dort ankommen. Dafür gibt es wöchentliche Bestell-Listen mit 300 bis 600 Titeln und die stete Optimierung von Bestellung, Katalogisierung und Medienbearbeitung bis hin zum Expreß-Verfahren. Gerade bei der Katalogisierung sieht Ilona Glashoff noch Potentiale für Arbeitseinsparung durch RFID: "Denkbar wäre, daß die Verlage die bibliographischen Daten ihren Büchern per Chip implantieren und wir diese übernehmen könnten. Voraussetzung dafür wären allerdings allgemeine Standards."
Effizienz ist nicht alles, aber überlebensnotwendig, weiß Kriemhild Grüttner, die kaufmännische Leiterin und stellvertretende Direktorin der HÖB: "Wir sind zu 90 Prozent Zuwendungsempfänger, also abhängig. 2005 mußten wir erstmals mit weniger Mitteln auskommen als im Vorjahr. Es gibt also eine Notwendigkeit zur Effizienz. Aber sie muß der guten Sache nützen." Pressesprecherin Heidi Best ergänzt: "Ich habe gelernt, daß Zahlen nichts über unsere Kernaufgaben aussagen - und auch nichts über die Emotionalität, die eine Bibliothek vermittelt."




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