Quintet.Net: Eine Plattform für virtuelle Konzerte. Über das Internet können sich die Komponisten von heute weltweit Klänge zuspielen.

Hamburg. "Wir sind hier die Kellerkinder", sagt Georg Hajdu bei der Begrüßung und schmunzelt. Denn das, was der Kompositions-Professor und seine Studenten im sichtbar in die Jahre gekommenen Souterrain der Musikhochschule austüfteln, weist in die Zukunft und ist keineswegs verstaubt.

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Hamburger Abendblatt

Notenpapier und Bleistift sucht man hier vergeblich. Die angehenden Komponisten des Masterstudiengangs "Multimediale Komposition" schreiben kleine Netzmusiken mit hochmodernen Computern; sie sind mehr Tonprogrammierer als Tonsetzer im herkömmlichen Sinne; sie komponieren Beats mit Bits, schreiben Computer-Programme, um bestimmte Klänge zu erzielen.

Das Ergebnis: Musik, die jeder mit einem Klick ins World Wide Web hören kann. Musik, die Musiker sich gleichzeitig an verschiedenen Orten zuspielen können. Musik, bei der sich die Zuhörer selbst einmischen können.

Klingt abstrakt. Ist es auch. Aber wer einmal in Hajdus Kellerwelt eingetaucht ist, weiß, daß diese Art des Komponierens und Musizierens aufregende Möglichkeiten für alle Beteiligten bietet. Doch wie funktioniert das eigentlich? Zunächst benötigt man das richtige Programm. Quintet.net heißt die Software, die Georg Hajdu entwickelt hat und die es Musikern ermöglicht, übers Internet miteinander zu kommunizieren, sich gegenseitig Klänge und Bilder wie Pingpong-Bälle zuzuspielen, das empfangene Material wieder zu verarbeiten, zu variieren. Und vieles mehr.

"Alles fing als reine Musizierplattform an", erklärt Hajdu und erzählt davon, wie er sich einmal mit einem australischen Jazzmusiker zum Improvisieren im Netz getroffen hat. Auch Mozart-Klaviersonaten für vier Hände könnte man mit Quintet.net aufführen.

Was man dafür braucht? Einen Computer mit Internetanschluß, das Programm, ein Keyboard und einen Mitspieler. Jetzt muß jeder nur auf seinem Computer Quintet.net starten, das Fenster mit der Partiturseite öffnen, die (vorher eingescannten) Mozart-Noten hochladen und seinen Part auf dem Keyboard spielen. Über den Lautsprecher des Computers hört man dann das Spiel des anderen. Mit einem australischen Pianisten würde dabei allerdings eher eine Kakophonie herauskommen. Die Musikdaten können auf diese Entfernung hin nämlich nur mit Zeitverzögerung verschickt werden. Deutschlandweit aber würde ein fast zeitsynchrones Zusammenspiel funktionieren. "Es gibt auch Werke, für die das vollkommen unproblematisch wäre", erzählt Hajdu und nennt als Beispiel György Ligeti. Anfang der 1960er Jahre entwickelte Ligeti eine Kompositionstechnik, die er Mikropolyphonie nannte. In dieser übersättigten Mehrstimmigkeit sind die Stimmen so dicht gesetzt, daß sie nicht mehr einzeln wahrnehmbar sind, Melodik, Rhythmik und Harmonik in sich auflösen und sich zu schwebenden Klangflächen mischen. Eine Zeitverzögerung, die bei einer Internet-Übertragung entstehen würde, ist hierbei bedeutungslos.

Natürlich gibt es mittlerweile viele Kompositionen, die eigens für Quintet.net geschrieben wurden. Schließlich ist aus der reinen Musizierplattform längst ein Treffpunkt für Komponisten geworden. Ihr Anreiz dabei: mit Werken für den virtuellen Konzertsaal "Internet" Raum und Zeit zu überwinden und den Zuhörer zum Teil des Kompositionsprozesses zu machen. Das im Internet zugeschaltete Publikum kann während der Aufführung nämlich Fragebögen ausfüllen, die der Computer auswertet und an den Dirigenten weiterschickt. Dieser kann das Feedback und die Vorschläge der Internetzuhörer in die Aufführung integrieren.

Eine Quintet.net-Komposition ist zum Beispiel die Oper "Orpheus Kristall" des Hamburgers Manfred Stahnke. Sie wurde 2002 bei der Münchner Biennale uraufgeführt mit live zugeschalteten Musikern aus Berkeley, New York und Amsterdam. Über Quintet.net erhielten diese Musiker das zugespielt, was Orpheus in München auf der Bühne sang, und sie improvisierten dazu. Was sie selbst spielten, wurde nach München übertragen und vom Dirigenten in die Aufführung eingeblendet. "Ich habe gedacht, ich mache eine Mondlandung", sagt Hajdu, der damals dirigierte.

Eine andere Quintet.net-Komposition ist "Bridges". Wie der Titel sagt, wollten die beteiligten Komponisten aus Belgrad, Budapest, Wien, Münster und Stuttgart Brücken schlagen, das Verbindende zueinander suchen. Mehr als zwei Monate lang haben sie das Werk online erarbeitet. "Das war ganz schön verrückt, weil man die Energie der anderen spüren konnte, obwohl wir uns ja nicht gesehen haben", erinnert sich Ivana Ognjanovic (34), die in Hamburg studiert und bei diesem Projekt Belgrad vertrat. Nicht nur Klänge, auch Videofilme wurden in diese multimediale Komposition integriert. Aufgeführt wurde "Bridges" 2005 in Stuttgart. Die (Computer-)Spieler saßen in den fünf Städten; sie alle hatten die Partitur auf ihrem Bildschirm und konnten über eine Uhr verfolgen, welche Aktion sie wann ausführen sollten. "Man fühlt sich schon allein vor seinem Computer", resümiert Ivana Ognjanovic, "aber man ist nicht allein."

Mit Tönen jonglieren können, das reicht für diese multimediale Kompositionsweise nicht mehr aus. "Man muß über ein strukturelles Denkvermögen und die Kenntnisse eines Tonregisseurs verfügen", faßt Hans-Gunter Lock (31) zusammen, der ebenfalls den Masterstudiengang besucht.

Ist Quintet.net jetzt noch eher ein Expertensystem, so will Hajdu daraus bald ein System für jedermann entwickeln. Seine neue Version sieht vor, auch klassisch ausgebildete Musiker in die World-Wide-Web-Interaktion einzubinden. "Ich möchte den Graben zwischen klassisch ausgebildeten Instrumentalisten und Multimediakünstlern überwinden", sagt Hajdu - damit die Musikstudenten der Hochschule auch mal den Weg in den Keller finden. Dort öffnet sich ein Fenster in die Welt(-Musik) hinein. Nur wissen das noch nicht alle.