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Kultur & Live

Bunte Boxen mit inneren Werten

Wissen für alle: Was die Bücherhallen den Hamburgern zu bieten haben (Teil 6)

Hamburg. Das magische Codewort für den Eintritt in die Welt der Bücher lautet 2D36. Es könnte aber auch 1D41 heißen. Oder einen von mehr als 800 anderen Namen haben. Denn viele Wege führen bei den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen (HÖB) zum Lesen. Die große Signatur auf den kleinen bunten Plastikcontainern ist ohnehin nur das äußerliche Erkennungszeichen - entscheidender sind die inneren Werte.

40 Medien verbergen sich in jeder Lesekiste, die den Hamburger Grundschulklassen 1 und 2 von den HÖB angeboten werden. Wer den Deckel öffnet, sieht ein freundlich-buntes Durcheinander, und wer ein wenig wühlt, wundert sich über die anregende Vielfalt. Für Kinder illustrierte Goethe-Gedichte ("Meeres Stille", "Glückliche Fahrt") stecken neben dem Band "Wie ein Baby entsteht", der kaum eine Frage offenläßt. Und "Mein Türkisch-Deutsches Bildwörterbuch" lehrt, daß armutauch Birne heißen kann und der Zebrastreifen in Istanbul und Ankara den schönen Namen yaya geçidihat.

"Wir haben zehn verschiedene Typen von Lesekisten für Grundschüler", erzählt Ingrid Lange-Bohaumilitzky. "Und alle sind von unserem Lektorat sehr ausgebufft zusammengestellt. In jeder Box finden sich Leselernbücher, erste Sachbücher, aber auch eine Auswahl von Themen, die speziell unsere Sorgenkinder, die Jungs, anspricht. Es sollen alles Bücher sein, zu denen Kinder gern und jederzeit greifen."

Ingrid Lange-Bohaumilitzky leitet die schulbibliothekarische Arbeitsstelle der HÖB, seit 1995 Bindeglied einer gelungenen behördenübergreifenden Kooperation (in Hamburg nicht selbstverständlich). Die Bücherhallen, die zum Zuständigkeitsbereich der Kulturbehörde gehören, machen den Schulen ergänzende Angebote, um Lesekompetenz und Recherche-Fähigkeit der Schüler zu fördern. Was der Behörde für Bildung und Sport beim Projekt Lesekisten, an dem sich mehr als 180 Schulen beteiligen, jedes Jahr rund 73 000 Euro für Sachmittel wert ist. Jede Lesekiste, die nach dem Halbjahr ausgetauscht wird, enthält überwiegend neue Bücher im Wert von 500 Euro.

Wie es sich in einer funktionierenden Symbiose gehört, profitieren auch die HÖB vom Austausch, denn sie können Nachwuchskunden für sich gewinnen. Seit 2003 sind alle Hamburger Schulklassen bis einschließlich der achten dazu verpflichtet, einmal in zwei Jahren eine Bücherhalle zu besuchen. "Das Ziel ist es, daß alle Kinder eine Beziehung zu ihrer Bücherhalle aufbauen", sagt Ingrid Lange. "Deshalb geht es bei den Schulklassenführungen auch nicht um Regularien, sondern die Kinder sollen sich wohl fühlen, damit sie gerne wiederkommen."

Das System der Anregung ist ähnlich ausgefuchst wie der Inhalt der Lesekisten. Die Bücherboxen sind in den ersten beiden Schuljahren für die Kuschelecke im Klassenzimmer gedacht - Bücherangucken soll zunächst vor allem Spaß machen. Fünft- und Sechstklässler dagegen, die zweite Lesekisten-Gruppe, sollen ein wenig arbeiten: sie müssen die bunten Container aus der nächstgelegenen Bücherhalle abholen. Außerdem sollen sie lernen, in der Bibliothek zu recherchieren.

Drittklässler wiederum sollen mit einem Bücherhallenpaß ihre Bibliothek erobern. Dabei helfen Rallyes, die auch so existentielle Fragen wie die nach der Toilette vor Ort nicht scheuen und dem Besitzer am Ende bescheinigen, ein Profi-Nutzer zu sein.

Neuere Studien zur Lesekompetenz von Hamburger Schülern beweisen Ingrid Lange, daß sich die Kooperation von Bücherhallen und Bildungsbehörde auszahlt. "Wir sind nach dem PISA-Alarm nicht hektisch geworden, denn wir haben die Leseförderung institutionalisiert."

Dennoch gibt es einen wichtigen Baustein für die Schule der Zukunft, der in Hamburg noch sehr unvollkommen ist. "Auffällig ist, daß alle PISA-Sieger professionelle Schulbibliotheken haben", sagt Lange und fügt hinzu: "Hamburger Schulbibliotheken sind meist nur Lesezimmer mit einer zufälligen Ansammlung von Büchern." Deshalb wollen die HÖB den Schulen beim Aufbau eigener Bibliotheken helfen - doch die Mittel sind begrenzt: "Wir stellen dafür einen Bestand von mindestens 400, maximal 800 Medien zur Verfügung. Die Schule muß dafür jährlich 50 Cent pro Buch zahlen." Mehr als 100 Hamburger Schulen wollen das Angebot der HÖB nutzen, doch nur fast 50 konnten bislang bestückt werden. Wer in den Genuß der HÖB-Hilfe gekommen ist, sollte sich jedoch nicht ausruhen. "Wir achten darauf, daß die Schulbibliotheken mit Leben erfüllt werden - andererseits kündigen wir die Zusammenarbeit", erzählt Ingrid Lange. In einem Fall hatte das nachhaltige Wirkung: "Die Schulleitung war so erschreckt, daß sie sich vom Saulus zum Paulus gewandelt und eine Musterschulbibliothek aufgebaut hat."

  • Kontakt über Tel. 42606-131.

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