Ein sorgfältig gepflegtes babylonisches Sprachengewirr
Wissen für alle: Was die öffentlichen Bücherhallen den Hamburgern zu bieten haben (Teil 4). Die Zentralbibliothek bietet einen Schatz an Literatur und zudem Lehrbücher in 92 Sprachen.
Hamburg. Es ist nicht abschließend geklärt, was für einen Bibliothekar frustrierender ist: ein Buch im Regal, das einem gar nichts sagt. Oder ein Kunde am Info-Tresen, der einem viel sagt, aber man versteht gar nichts.
Hanna Kappus gebietet über ein Reich, in dem ein babylonisches Sprachengewirr systematisch gepflegt wird. Die 59jährige ist Leiterin des Lektorats Sprache bei den HÖB. Für die größeren Sprachgruppen in Hamburg hält die Zentralbibliothek umfangreiche, stetig aktualisierte Bestände bereit - in 25 Sprachen, von Albanisch bis Vietnamesisch. "Da kann es schon vorkommen, daß man ein Buch mit persischen Schriftzeichen vor sich hat und nicht weiß, was drinsteht", sagt Hanna Kappus. Oder daß HÖB-Kunden in der Originalsprache nach griechischen oder arabischen Titeln fragen.
Das Sesam-öffne-dich sind in diesen Fällen Transkriptionen, die extra für den HÖB-Katalog in lateinischer Schrift erstellt werden. Und das wiederum wäre nicht möglich, wenn die HÖB nicht Fremdsprachler in den eigenen Reihen hätten oder sich Hilfe an der Uni holten. Dank der Transkription können auch Bibliotheksangestellte, die die fragliche Sprache nicht beherrschen, Auskunft darüber geben, ob das gewünschte Buch im Bestand ist und wo es stehen müßte. Wenn es nicht ausgeliehen sein sollte. Was häufiger der Fall sein dürfte, denn die verschiedenen ethnischen Gruppen in Hamburg wissen den Service der HÖB zu nutzen, der für ein bißchen Heimat in der Fremde sorgt.
Klar, daß die stark vertretene englischsprachige Literatur am meisten genutzt wird - auch von Deutschen, die das Original bevorzugen. Überraschender ist eher, daß russische Medien die höchsten Ausleihzahlen haben. "Russen sind Vielleser", sagt Kappus. Besonders gefragt sind auch Spanisch, Persisch und Vietnamesisch, Türkisch dagegen weniger als früher - außer in Stadtteilbibliotheken wie Wilhelmsburg, für deren Bestände auch die Zentrale zuständig ist.
Doch die Sprachabteilung der HÖB hat noch viel mehr: ein erstaunliches Angebot von Sprachlehrbüchern - unter den 92 Sprachen sind so exotische wie Walisisch, Tamaschek und Marathi, aber auch Latein und Altgriechisch, was wieder häufiger von deutschen Schülern genutzt wird. Hinzu kommt reiches Material zum Thema Deutsch für Ausländer, das besonders den Studenten des Goethe-Instituts im gleichen Haus empfohlen wird.
Neue Duftmarken werden bald Bücher wie "Xiangshui" setzen. Das ist der chinesische Titel des Romans "Das Parfüm" von Patrick Süskind und eines der 800 Bücher, mit denen die HÖB 2006 ihren 26. Sprachbereich starten. Beraten von Sinologen der Uni, transkribiert Katalog-Expertin Susanne Wilkin, die seit drei Jahren privat Chinesisch lernt, die Titel nach dem Pinyin-Code in unsere Schrift. Der Clou an dem Pilotprojekt: Es wird auch Katalogdaten in Schriftzeichen geben, so daß Chinesen via Internet das Angebot sichten können. Was den Bibliothekaren am Hühnerposten einigen Frust ersparen dürfte.



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