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Kultur & Live

Die Jüdin Eva Kor vergibt KZ-Arzt Mengele

Auschwitz: Sie überlebte als Kind die Experimente des Lager-Arztes. Dann tat sie einen ungewöhnlichen Schritt. Das Verzeihen hilft ihr, mit dem Schmerz zu leben. Doch viele reagieren empört: Entschuldigt man damit nicht die Täter?

Hamburg. Eva Mozes Kor ist eine ungewöhnliche Person. Sie lebt im US-Staat Indiana, arbeitet als Immobilienmaklerin und ist 71 Jahre alt. Sie trägt die ursprünglich graue Dauerwelle in einem hellen Rose getönt, sie kann Käsesandwiches mit einem Bügeleisen zubereiten, und sie spricht - obwohl sie die meiste Zeit ihres Lebens in den USA verbracht hat - mit einem auffallend harten rumänischen Akzent. Was Eva Kor jedoch zu einer so außergewöhnlichen Person macht, ist nicht ihre Art zu sprechen. Es ist das, was sie erzählt.

Ihre Geschichte ist die eines Opfers, das an dem Tag, an dem es einem Täter begegnete, entschied, seine Opferrolle zu verlassen. Ohne Wunsch nach Rache, nach Sühne, nach Gerechtigkeit. Allein durch die Entscheidung zur persönlichen Geste.

Eva Mozes Kor hat Auschwitz überlebt. Und Eva Mozes Kor hat Dr. Josef Mengele vergeben.

Dabei beginnt ihre Geschichte wie so viele jener grausamen Geschichten, die das Nazi-Regime während des Zweiten Weltkriegs schrieb. Zehn Jahre alt war Eva, als sie 1944 mit ihrer Mutter und ihrer Zwillingsschwester Miriam in einem Viehwaggon nach Auschwitz verschleppt wurde. Noch an der Rampe sortierte man die verängstigten Mädchen aus dem Strom der Ankommenden und führte sie einem Mann zu, der an Zwillingspaaren ein ganz besonderes Interesse zeigte: Dr. Josef Mengele, seit 1943 KZ-Arzt im Vernichtungslager, überzeugter Anhänger der Rassenlehre und verantwortlich für Tausende von Menschenversuchen an wehrlosen Lagerinsassen.

Vergleichende Forschungen an Zwillingen hatten es dem Mediziner dabei besonders angetan, auch Eva und Miriam wurden Opfer seiner zynischen Experimente. Welche Keime und Giftcocktails er den Mädchen während ihrer Gefangenschaft injizierte, weiß Eva Kor bis heute nicht. Jahrzehnte nach den prägenden Erfahrungen aber sollte eben diese Suche nach möglichen Hinweisen ihrem Leben eine entscheidende Wendung geben. Ohne die Suche nach den Hinterlassenschaften des Peinigers, ohne die direkte Konfrontation mit dem Bösen, hätte Kor ihren ungewöhnlichen Weg zu einem inneren Frieden vermutlich kaum gefunden.

Eva und Miriam überlebten Auschwitz, als einzige aus ihrer Familie. Als jedoch vor allem Miriams körperliche Spätfolgen Ende der 80er Jahre so lebensbedrohlich wurden, daß auch eine Nierenspende der mittlerweile mit ihrem Mann in die USA emigrierten Schwester keine Genesung brachte, begann Eva Kor mit der Recherche nach Mengeles Akten. Wissenschaftliche Hinweise fand sie nicht. Nie. Aber sie stieß auf einen noch lebenden ehemaligen SS-Arzt, der gemeinsam mit Mengele in Auschwitz gearbeitet hatte und der bereit war, sie zu empfangen: Dr. Hans Münch.

1993 fuhr Eva Kor nach Deutschland, wo der einstige SS-Arzt, der 1947 als Kriegsverbrecher angeklagt, aber freigesprochen worden war, als Landarzt im Allgäu lebte. Auf vieles war Eva Kor bei dieser Begegnung gefaßt gewesen - einen ihr reuevoll gegenübertretenden Ex-Nazi hatte sie nicht erwartet. Münch, ein höflicher alter Mann mit korrekt geschnittenem weißen Bart, präsentierte sich der Auschwitz-Überlebenden (und dem bei der Begegnung ebenfalls anwesenden holländischen Kamerateam) als ein Mensch, der bereute, der ihr von Depressionen und Alpträumen berichtete.

Eva Kor lud Münch ein, sie zum 50. Jahrestag der Befreiung nach Auschwitz zu begleiten. Er willigte ein.

Es war Winter in Auschwitz, als Eva Kor im Januar 1995 auf den verschneiten Trümmern eines Krematoriums stand. Neben sich Dr. Münch in seinem dunklen Wintermantel, vor sich die anderen Überlebenden und die Kameras der Welt. Kor ließ Münch eine Erklärung unterzeichnen, mit der er die Existenz der Gaskammern bestätigte - niemand sollte den Holocaust mehr leugnen können. Schon die Anwesenheit des Gastes hatte zu scharfen Protesten geführt, Eva Kor aber ging weiter. Sie fühlte einen "so starken Drang, ihm zu danken", daß sie ihrerseits eine Erklärung verlas. Sie vergab Münch.

Und Mengele.

Und allen anderen Nationalsozialisten.

Eine öffentliche Blanko-Vergebung, ein unerhörter Schritt - und für Eva Mozes Kor der entscheidende "Akt der Selbstheilung". "Vergebung", sagt sie heute, "ist der Samen für Frieden."

Ihren eigenen Frieden jedenfalls habe sie gefunden. Darüber hinaus drängen sich Fragen auf: Kann man jedem vergeben? Kann man alles vergeben? Und: Darf man? Auf Eva Kors öffentlichen Akt folgen empörte Reaktionen aus aller Welt, von Holocaust-Überlebenden aus Israel, Deutschland und den USA. Ein amerikanischer Filmemacher, Bob Hercules, erzählt ihre Geschichte in einem Dokumentarfilm mit dem so provozierenden wie irritierenden Titel "Forgiving Dr. Mengele". Im Hamburger KörberForum wird der Film heute abend als Deutsche Erstaufführung gezeigt, Hercules und Eva Kor stellen sich im Anschluß der Diskussion.

Hercules sympathisiert mit der Entscheidung Kors, die Empörung aber überwiegt. Man wirft ihr vor, die Täter zu entschuldigen, zu verharmlosen, das Vergessen zu unterstützen. Kor-Kritikerin Jona Laks, ebenfalls ein überlebender "Mengele-Zwilling", die Bob Hercules in seinem Film mehrfach zu Wort kommen läßt, hält Eva Kors Entscheidung für "unanständig". Sie könne nicht etwas verzeihen, was nicht ihr allein, sondern Millionen angetan wurde. "Ich spreche in meinem Namen", erwidert Kor. Jeder tue ihr leid, der nicht vergeben könne. "Wahrscheinlich bin ich nicht gut genug darin zu erklären, welch erleichternde Wirkung eine Vergebung hat." Daß sie das Vergessen befördere, ist ein Vorwurf, den man ihr kaum machen kann: Kor reist durch die Welt und erzählt. Von Auschwitz, von Mengele, von Münch und dem Nutzen der Vergebung.

Und von Macht. Die Fähigkeit zu vergeben, sagt Kor, verleihe ihr, dem Opfer, ein Gefühl der Macht über Täter. Sie fühle sich dem Schmerz, den keine Rache und keine gesetzliche Gerechtigkeit lindern könne, nicht länger hilflos ausgeliefert. "Kein Opfer hat darum gebeten, Opfer zu sein. Niemand verdient es. Vergebung ist ein Geschenk der Befreiung von den Schmerzen der Vergangenheit. Ich verstehe, daß es auch ein Geschenk an den Täter sein mag. Aber den Schmerz zu ertragen hilft mir doch in keinem Fall weiter." Und Eva Kor zitiert Abraham Lincoln: "Der beste Weg, einen Feind zu bekämpfen, ist, ihn zum Freund zu machen."

Zum Freund? "Ja", sagt Kor. "Dr. Münch und ich wurden Freunde. Es ist möglich." Ihm Briefe geschrieben zu haben nennt Kor eine "Selbsttherapie". Daß Münch sie in einem "Spiegel"-Artikel kurz vor seinem Tod einen "pathologischen Fall" nannte, daß er von "idealen Arbeitsbedingungen" in Auschwitz sprach und dem Reporter erzählte, "Juden auszumerzen, das war eben der Beruf der SS damals", macht sie wütend. Nicht weil sie sich von Münch betrogen fühlt. Sondern weil sie dem Reporter vorwirft, erst mit Münch gesprochen zu haben, als dieser sich "schon im ersten Alzheimer-Stadium" befunden habe. Münch, der 2001 starb, sei längst dement gewesen, als er diese Aussagen traf. Und selbst wenn nicht: An ihrer Vergebung würde es heute nichts mehr ändern. Es geht nicht um Einsicht der Verantwortlichen, es geht allein um die Erleichterung der Opfer.

Einen religiösen Hintergrund hat die Vergebung der Eva Kor nicht. "Ich bin keine praktizierende Jüdin." Und von der Idee, sie müsse zunächst um Vergebung gebeten werden, bevor sie sie gewähre, hält die streitbare Dame schon gar nichts: "Dann wäre ich ja schon wieder auf den Täter angewiesen. Ich, das Opfer, wieder von der Gnade des Täters abhängig? Das ist doch absurd!"

Sie hat vergeben. Ohne Einschränkungen. Verändern kann sie die Vergangenheit nicht. Auschwitz hat ihr Leben bestimmt und tut es noch. Auf ihrem linken Arm trägt Eva Mozes Kor die eintätowierte Nummer. A-7063. Vergessen wird sie nicht.

 

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