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Kultur & Live

Der Herr der Ringe

H. Stern: Die Erfolgsgeschichte eines deutschen Flüchtlings. Er hat ein ungewöhnliches Exilantenschicksal: Hans Stern floh vor den Nazis und schuf in Brasilien ein Juwelenunternehmen.

Hamburg. Kann sein, daß es in Rio damals so ausgesehen hat wie in Hitchcocks Film "Berüchtigt", in dem die schöne Ingrid Bergman und der noch schönere Cary Grant einander verfallen: malerische Hügel und atemberaubende Strände, man trinkt Champagner bei Kerzenschein auf der Terrasse, und danach gibt's den bis dahin längsten Kuß der Filmgeschichte.

Aber für Hitchcock, den Genauigkeitsfanatiker, war der Kuß nur eine Sache des perfekten Timings, und in Rio zu drehen wäre ihm viel zu unberechenbar gewesen. "Berüchtigt" entstand in Los Angeles im Filmstudio. Rio war in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Stadt, die vor allem exotisch, wild, heiß und sinnlich war. Und mit nur einer Million Einwohner noch relativ überschaubar.

Jedenfalls war sie weit weg von allem, was der damals 16 Jahre alte Hans Stern kannte, als er 1939 gemeinsam mit seinen Eltern und einem Großvater aus Deutschland ankam. Die Familie mußte aus Sterns Geburtsstadt Essen vor den Nazis fliehen. Mit dem Schiff ging's nach Rio, wo Verwandte wohnen. Man spricht nur deutsch, ist durch und durch europäisch. Vater und Großvater, die Ingenieure sind, finden Arbeit in einer kleinen brasilianischen Stadt. Mutter und Sohn bleiben in Rio. Mit nur zehn Mark ist die Familie in Brasilien angekommen.

Hans Stern wird Stenotypist in einer kleinen Firma, die Steine und Mineralien exportiert. Die Juwelen werden ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen. Ganz anders als Hans im Glück, der am Anfang Gold und am Ende einen Stein in Händen hält, hat Hans Stern früh erkannt, daß man aus unscheinbaren Steinen die herrlichsten Juwelen formen kann. So bringt er es aus dem Nichts zu Weltruhm. Der Name H. Stern steht heute über 160 Juweliergeschäften überall auf der Welt, in den großen Metropolen, in Hotels, auf Flughäfen. Und jetzt, zum 60jährigen Firmenbestehen, auch in Hamburg. Neben Cartier und Tiffany ist H. Stern eines der größten Juwelenunternehmen der Welt.

Als junger Mann arbeitet Hans Stern als Kommissionär, reitet mit einem Pferd in die Wildnis und bringt Juwelen zu Kreuzfahrtpassagieren. Brasilien ist das Land der Edelsteine. Jeder Edelstein der Welt kommt hier vor, mancher sogar, wie der Edeltopas, ausschließlich hier. Mehr als 80 Prozent aller Farbedelsteine der Welt stammen aus brasilianischen Minen. Offenbar weiß das damals nur niemand.

Als Hans Stern die Vielfalt und Brillanz der brasilianischen Edelsteine kennengelernt hat, beschließt er, sich selbständig zu machen. "Damals liefen alle Geschäfte noch auf Vertrauen", sagt der zierliche 83jährige, der noch heute jeden morgen um halb neun in seinem Geschäft in Rio steht, wenn er nicht auf Reise ist. Denn einmal pro Jahr besucht er jedes seiner Geschäfte auf der Welt. Bis vor fünf Jahren kam der disziplinierte Herr sogar täglich früh um acht in sein Geschäft in Ipanema. Heute macht er zuvor eine halbe Stunde Gymnastik.

"Ich verkaufte mein Akkordeon für 200 Dollar und bekam von einem Bankier, dem ich wohl gefiel, 1000 Dollar Kredit. Das war mein Startkapital." 1945, mit 23 Jahren, gründet Hans Stern seine erste Schmuckfirma. "Ich habe von Schleifern und Händlern Steine bekommen, die ich in Rio und Sao Paulo an Juweliere und Exporteure verkauft habe. Dann habe ich eine Schleiferei gehabt und ein kleines Atelier, um Schmuck zu fabrizieren." Natürlich kennt Hans Stern auch das Geheimnis eines Edelsteins: "Qualität und Seltenheit der Farbe, ein guter Schliff, die richtige Farbe."

In den 50er Jahren kommt der Durchbruch. Hans Stern hat auch international das Interesse an brasilianischen Farbedelsteinen geweckt. Vom amerikanischen "Time"-Magazin wird er als "König der Diamanten" bezeichnet. Heute arbeiten 3300 Mitarbeiter weltweit für das Juwelenunternehmen. Kundenservice und Image hält der Unternehmer für das wichtigste Kriterium in seinem Geschäft.

Hans Stern und seine Frau Ruth - auch sie ein ehemaliges Essener Flüchtlingskind, allerdings aus Uruguay - haben vier Söhne. Ein Jammer eigentlich, daß keine Tochter dabei ist, bei so viel schönem Schmuck. Welches Mädchen würde sich nicht wünschen, in ein Schmuckunternehmen hineingeboren zu werden? Ganz so, wie wohl jedes Kind davon träumt, die Eltern hätten eine Schokoladenfabrik. Und Ruth Stern? "Sie trägt keinen teuren Schmuck, nur einfache Sachen", sagt Hans Stern, "schöner Schmuck ist nicht unbedingt teurer Schmuck. Und wenn meine vier Enkelinnen zu mir ins Büro kommen, dann wollen sie keinen Schmuck, sondern Schokolade." Das hätte man sich so jetzt nicht vorgestellt. Zwei der Söhne der Sterns arbeiten in der Firma.

Der älteste, Roberto, kümmert sich in Brasilien neben dem Vater um Marketing und ist auch für den Entwurf der Kollektionen zuständig. Ronaldo ist Statthalter in New York und bearbeitet Nordamerika. Offenbar sehr erfolgreich, denn inzwischen lassen sich die attraktivsten und schönsten Frauen mit Schmuck von Hans Stern fotografieren: Angelina Jolie trägt zur Oscar-Verleihung 2004 seine Kette, Beyonce Knowles zu den Music Awards seine Ohrringe. Und wer in die erste Liga der Schönen aufsteigen will, wie "Housewife" Eva Longoria, der schmückt sich auch mit Steinen von Stern. Angefangen damit hat Catherine Zeta-Jones. Im Jahr 2001 trug sie einen 50- Karat-Aquamarin aus Hans Sterns persönlicher Kollektion.

Von Marilyn Monroe wissen wir: "Diamonds are a girl's best friend." Fragt man Hans Stern ob das stimmt, zögert er, erwidert dann aber: "Ich glaube schon."

Hans Stern scheint aber nicht nur was von Frauen, sondern auch von Männern zu verstehen. Und was Stars wollen, weiß er auch. Für sie hat er eine "Red Carpet Collection" entwerfen lassen, zur Oscar-Verleihung. Colliers, Ohrringe, Armbänder aus den schönsten Steinen mit den leuchtendsten Farben. Dies geballt - das ist ein Traum.

Vielfarbiger Schmuck aus Edelsteinen ist eines der Markenzeichen aus Sterns Schmuckkollektionen. Stets gibt es 40 bis 50 Kollektionen, 20 bis 30 davon entstehen jährlich neu, denn "auch Schmuck ist der Mode unterworfen. Früher standen die Steine im Mittelpunkt. Heute ist das Design wichtiger." Und was sollte man auf jeden Fall bei Schmuck beachten? Hans Stern weiß: "Nicht zu auffällig, um damit anzugeben, keine protzigen Steine oder altmodisches Design." Was fällt dem Brasilianer mit den deutschen Wurzeln in Hamburg besonders auf? "Das Angenehme an Deutschland ist die Pünktlichkeit, Sauberkeit und Disziplin. Unangenehm ist der Pessimismus." Und in Brasilien? "Dort liebe ich die Aufgeschlossenheit der Menschen, das Klima, die Natur, die Lebensfreude. Und die schönen Frauen natürlich."

 

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