Serie: 1968 und die Folgen - das Erbe und die Erben von "Ton Steine Scherben" und Rio Reiser
Hamburg. Der Traum ist aus. Ein sonniger Tag soll es gewesen sein, Ende Mai im Jahr 1985. "Ich denke, wir sollten besser Schluß machen", sagt Rio Reiser, und die anderen Mitglieder der Band Ton Steine Scherben nicken. This is the end, my friend.Was 15 Jahre zuvor begann, endet mit einem Haufen Schulden - und der Absage an die Managerin Claudia Roth. Die heutige Grünen-Chefin kümmerte sich damals um die organisatorischen Belange der Band und hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt: Ton Steine Scherben soll eine umweltpolitisch aufpolierte Band werden - Agitrock für die Partei der Grünen. Außer Claudia Roth will das keiner. Zurück zu den Wurzeln? Niemals. Diesen Traum träumt längst keiner mehr.
Als 1971 mit "Warum geht es mir so dreckig?" das erste Album der Band erscheint, ist die Spätphase der Studentenrebellion bereits eingeläutet, den Begriff der 68er Generation gibt es noch nicht. Ton Steine Scherben, entstand aus Hoffmanns Comic Teater, rockt vor Lehrlingen, Schülern und Studenten. Schnell wird die Band zum Sprachrohr der linken Berliner Polit- und Hausbesetzerszene und "Keine Macht für niemand" vom zweiten Album zum Schlachtruf.
Tempi passati? Nicht ganz. Die Faszination der Band und des charismatischen Sänger Rio Reiser ist die Jahre hindurch geblieben. Junge deutsche Bands covern die alten Songs: Wir sind Helden ("Halt dich an deiner Liebe fest"), Söhne Mannheims ("Mein Name ist Mensch"), Die Sterne, Fettes Brot, Fehlfarben - die Liste ist lang, im Internet lassen sich rund 500 Coverversionen von Rio-Reiser- und Ton-Steine-Scherben-Songs finden.
Auch der Hamburger Musiker Jan Plewka weiß um diese Faszination. Der 34jährige hat mit großem Erfolg einen Abend mit Liedern von Rio Reiser auf die Bühne des Schauspielhauses gebracht. "Ich bin ein Fan der ersten Stunde. Schon in der Schule habe ich Ton Steine Scherben gehört und dachte, endlich mal deutsche Texte, die nicht peinlich sind." Weil er alle Songs von Rio Reiser nachgesungen habe, sei er überhaupt zum Singen gekommen.
Zu Plewkas Rio-Reiser-Abend kommen sehr viele junge Menschen. "Was die Leute noch immer an den Songs der Band und an Rio fasziniert, ist die konsequente Idee des Miteinanders, die aus ihnen spricht." Kein anderer deutscher Musiker habe das seit damals bis zum heutigen Tag so authentisch vermitteln können wie Rio Reiser. Was John Lennon für die englischsprachige Popmusik sei, so mutmaßt Plewka, ist Rio Reiser für die deutsche Rockmusik. "Er ist das große Vorbild für alle deutschen Musiker, an ihm kommt keiner vorbei."
Rio Reiser ist 1996 im Alter von 46 Jahren gestorben. Im nordfriesischen Fresenhagen, dicht an der dänischen Grenze, liegt er begraben, im Garten des Rio-Reiser-Hauses, in dem die Mitglieder von Ton Steine Scherben nach ihrem Rückzug 1975 aus Berlin lebten - und die Welt der plakativen Politparolen weit hinter sich gelassen hatten.
Gert Möbius, Jahrgang 1943, kümmert sich in Fresenhagen und Berlin um das Erbe seines Bruders Ralph, der sich später Rio Reiser nannte. "Die Scherben haben in Deutschland ja praktisch den Punk erfunden", erzählt er, "nur hieß diese Stilrichtung damals nicht so. Aber ich glaube, da liegen die Gemeinsamkeiten zu den vielen Jugendlichen von heute, die zur Gitarre greifen und Musik machen." Gleichwohl steht Gert Möbius den neuen deutschen Popbands eher kritisch gegenüber. "Die meisten Gruppen versuchen lediglich, unverbindliche Texte in modische Melodiefolgen zu kleiden." Eine Band, die in ihren Texten Visionen entfaltet, sieht er momentan nicht.
Die Zeit, sie ist halt nicht so, die Visionen von einst sind der Ernüchterung gewichen.
Den Song "Der Traum ist aus" veröffentlicht Ton Steine Scherben bereits 1975 auf dem Album "Wenn die Nacht am tiefsten". Ein offenbar hellsichtiger Titel, zumindest im Kontext der Hoffnungen und Wünsche jener rebellischen Jahre gesehen, die die Republik nachhaltig prägen sollten. Doch die Legende Ton Steine Scherben lebt weiter. Das Ende ist nicht in Sicht, hell strahlt das Licht aus der Zeit der frühen Jahre - nicht nur auf die Gesichter einer jungen Musikergeneration. Mitte August fand sich die Ton Steine Scherben Family erneut in Fresenhagen zusammen - und gab dort ein Konzert in jener Holzscheune, die sie "Winnetous Garage" nennen.
Jan Plewka war auch dabei. "Das war ein historischer Moment für mich", erinnert er sich, "ein Highlight in meinem Musikerleben." Und der Abend war Probe und Auftakt für eine Konzerttournee, die die alten Bandmitglieder - aufgefrischt durch familiären Nachwuchs - im Herbst durch mehrere deutsche Städte führt. Mitte November gastiert die Band in der Altonaer Fabrik. Plewka ist auch eingeladen.
Der Traum ist aus? Mal sehen.














