"Eine fette Mischung" in Altonas Altstadt
Stadtteilkultur: Der Hamburger Kerim Pamuk über das Haus Drei. Der Comedian und Autor von "Sprich langsam, Türke" liest in dem einstigen Hospital unter anderem für Schüler.
Hamburg. "Das sympathische Huhn hat mich engagiert", sagt Autor Kerim Pamuk. Die flapsig-freundschaftliche Rede ist von Maria Jancke, Veranstaltungsleiterin im Altonaer Haus Drei. Die kleine, drahtige Frau ist - wie der gelbe Klinkerkoloß - eine Institution im Viertel. Seit 24 Jahren ist das einstige Krankenhaus, das um 1890 erbaut wurde, Heimat für Stadtteilkultur. 90 000 Besucher im Jahr nutzen Angebote von Afrodance bis zum Töpfern für Senioren. Seit 18 Jahren sorgt die Pädagogin dafür, daß auf 400 Quadratmetern das Programm nicht versiegt. Ihre rauhe Stimme ist Widerhall eines kommunikativen Arbeitstages, der um 9 Uhr beginnt und oftmals erst nach Mitternacht endet. Selbst ihre Kinder zog sie zwischen Holzwerkstatt und Kletterzimmer, Seminarräumen und Büro auf. Eine Vielfalt, die idyllisch im August-Lütgens-Park verborgen liegt.
Wer über die Chemnitzstraße radelt, der Fahrrad-Achse zwischen Altona und City, dem erzählen handgemalte Plakate auf einer Backsteinmauer von Mädchen-Disco oder Kinder-Theater. Um die Ecke, am Eingang in die Hospitalstraße, eröffnet sich ein ungeahnter Blick auf ein Stück Hamburger Grün, auf eine Wiese und alten Baumbestand.
So malerisch die eine Seite des Hauses Drei, so pragmatisch die andere: Hinter dem Gebäude hat das Cafe Lotte, das von Menschen mit Behinderung betrieben wird, Tische rausgestellt. Die Kinder, die in Altonas Altstadt leben, spielen auf dem Basketballfeld und an Tischtennisplatten.
"25 Prozent der Bewohner im Stadtteil kommen aus einem Migrationshintergrund", erklärt Jancke. Um dem multikulturellen Umfeld gerecht zu werden, holt sie Künstler wie Pamuk auf ihre Bühne. 1970 an der türkischen Schwarzmeerküste geboren, in Hamburg aufgewachsen und nach dem Abitur "erfolgreich sein Informatikstudium abgebrochen", machte er seine Abstammung schließlich zum Inhalt seiner Bücher. Schon mehrfach las er im Haus Drei für Schüler aus den tragikomischen Ethno-Clash-Werken "Sprich langsam, Türke" und "Alles roger Hodscha?". Ein Typ, der den Schnack der Straße draufhat. Der zwei aufgekratzte Klassen mit Geschichten zwischen Kiosk- und Koran-Kultur für eine Weile davon abhalten kann, auf ihre Handys zu gucken.
Auch den Comedy-Pokal moderierte Pamuk bereits im großen Saal im zweiten Stock. Der Raum, in dem bis zu 100 Menschen Platz haben, verfügt über eine eigene Ton- und Lichttechnik. Und wenn die Temperaturen stimmen, können Besucher von der Bar aus auf einem großen Balkon frische Luft schnappen. "Die Südstaatenterrasse", wie Jancke den Ort nennt.
Viel hat sich verändert, seit sie im Haus Drei anfing. Das Engagement entwickelte sich von der Laienausstattung hin zur Professionalität. "In den 80er Jahren war Kulturmanagement noch kein Studienfach, sondern funktionierte learning by doing", erklärt Jancke. Kreative genießen die familiäre und ambitionierte Atmosphäre des Hauses. "Auch bei 30 bis 40 Gästen ist schon gute Stimmung", erzählt Pamuk. Einer, der sich nicht mit einer Kunst begnügt. Im Imperial-Theater initiierte er die "Catbird Comedy Show". Für den Film "Süperseks" (2004) lieferte er das Drehbuch. Wenn der Nuschel-Sprecher in der Hospitalstraße Comedy-Programme wie "Maximo Luder" vorstellt, sei im Publikum schon "eine fette Mischung". "Verschiedenste Leute kommen, zwischen 20 und 70 Jahre alt", sagt Pamuk und ergänzt nicht ohne Stolz: "Ich habe eine hohe Türkenquote."
Zum Selbstbewußtsein des modernen, eigensinnigen, sozial wie ethnisch gemischten Viertels lieferte auch Jancke einen großen Beitrag: "Frau Maria", wie die afrikanischen Besucher des Hauses Drei sie nennen, erfand die "Altonale-Spaßparade". Bei dem Umzug trommeln und tanzen kostümierte Kita-Gruppen, ein Stelzen-Klub sowie zahlreiche Initiativen durch Altonas Straßen. Ein Spektakel, bei dem ein sympathisches Huhn nicht fehlen darf.



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