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Kultur & Live

Wahnsinn aus der Wanne

Eukalyptus now! Eine Grippe hat von meinem Körperchen Besitz ergriffen. Okkupiert die sterbliche Hülle? Wütet in meinem Leib? Egal, Sie wissen, was ich meine. Leiden Sie auch so unter den Niederschlägen? Soeben habe ich beschlossen, mir später eine Pizza bringen zu lassen, nur damit jemand auf seinem Moped naß wird. Fies, oder? Ich bin in den vergangenen drei Tagen 16mal zusammengeregnet worden. Ich möchte, daß jemand diese Erfahrung mit mir teilt. Hatschi!

Gerade liege ich in der Wanne. Beziehungsweise nicht ganz gerade, die Wanne ist sehr klein. Auf dem Wannenrand liegt ein Brett, darauf mein Schreibgerät, ein Powerbook. Nein, keine Panik, da ist kein Netzteil angeschlossen, der Akku reicht für Stunden. Wenn das Ding ins Wasser fällt, werde ich allenfalls ein leichtes Kribbeln spüren. Oder? Jedenfalls hoffe ich das. "Bernhard, man weiß es nicht", würde meine Mutter jetzt sagen.

Das Wetter macht mich ganz kirre. Diese Dunkelheit, es wird überhaupt nicht mehr hell. Der Lichtmangel hat in diesem Jahr unglaubliche Auswirkungen auf mein Gemüt. Die Welt erscheint mir grau und leer, greife ich zum Banjo, ertönen nur müde mollige Akkorde. Nicht einmal das Dinkelbrot will mehr schmecken.

Relativ entspannt in der Wanne zu dümpeln und depressives Zeugs zu schreiben birgt eine gewisse Lebensqualität. Jetzt müßte nur noch eine gute Frau hinter mir sitzen, kundig meinen Rücken einseifen und neugierig fragen: "Na, was schreibst du denn da, Zucker?" Aber das geht ja leider nicht, wie gesagt, die Wanne ist sehr klein.

So ich mein infiziertes Körperchen betrachte, befällt mich Wehmut. Während andere Menschen darüber nachdenken, ob sie im All verglühen, schrumple ich vor mich hin, lasse heißes Wasser nachlaufen und bete für diese Leute, die ja unbedingt die gute Mutter Erde verlassen mußten. Was will der Mensch im All? Wozu dieser Aufwand? Wenn die Nasa da oben nach Gott suchen würde, das wäre ja okay, da wäre ich dabei, wäre der erste, den man schicken könnte. Mein Kollege Andre sagt das immer, wenn er von den Qualitäten eines Menschen überzeugt ist: "Den kannst du schicken!"

Ich steige gleich mal aus der Wanne. Trockne mich ab, zupfe vielleicht noch ein paar graue Haare von der Brust. Oder löse ein Kreuzworträtsel, mal sehen. Beides macht gleichermaßen keinen Sinn. Hm, ich sollte in Zukunft nur noch kalt duschen. Warme Wannenbäder verleiten nur zu unnötigem Grübeln, das ist nicht gut in Zeiten wie diesen.BERND MÖHLMANN

 

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