Da werden die Diakonissen zu Revue-Girls - umwerfend!
Musical "Sister Soul" hatte in Altona Premiere
Hamburg. Läßt "Sister Soul" im Altonaer Theater die "Heiligen einmarschieren" und die Mitschwestern zu "Shout" die Beine wie Revue-Girls schmeißen, daß die Trachten nur so fliegen, kennen die Zuschauer kein Halten mehr. Sie singen und klatschen mit im Takt: "Oh When The Saints Go Marchin' In". Love Newkirk, in der Titelrolle von Mathias Christian Kosels schmissigem Gospel-Musical, eroberte sich mit großer Klappe und noch größerer Stimme im Handumdrehen die Herzen der prüden Gottesdienerinnen und auch die des Publikums. Das feierte Sängerin und Ensemble mit Ovationen.
Nicht nur Barmieze Josephine Becker staunte: Auf der Flucht vorm bösen Drogenbullen landet sie nicht im Kloster, sondern im Krankenhaus. Die auf Plakat und Programm versprochenen Nonnen mußten neu eingekleidet werden: Kostümbildnerin Claudia Kuhr steckte sie flugs unter die weiße Haube der Diakonissen. Disney Enterprises hatte wegen der Rechte am "Sister Act"-Film drei Wochen vor der Premiere auch noch Veränderungen in den Dialogen und im Szenenablauf per Anwalt durchgesetzt, obwohl das Buch vorgelegt worden und bereits abgesegnet war.
Josephine sucht nun bei ihrer Freundin Franziska (erst scheu, dann keß: Eveline Suter) im Zion-Hospital Zuflucht. Zwar sind Pflegerinnen rund um die Uhr mit etwas anderem als Singen beschäftigt, aber gerade die Musik-Nummern lassen in Frank-Lorenz Engels flotter Inszenierung die ziemlich fadenscheinige Story um den mit Drogen dealenden Inspektor Staller (Holger Löwenberg) und das Kiez-Show-Girl auf dem Tugendpfad wider Willen rasch vergessen.
Singt Schwester Cäcilia alias Josephine gottverlassen auf ihrem kargen Lager a cappella "Motherless Child", muß das zu Herzen gehen. Die Sängerin mit dem Beat im Blut bringt auch dem lahmen Krähenchor Rhythmus und richtige Töne bei. ,Mädels, are you ready to Rock'n'Roll?" Kosel, als Barpianist Benny vom Bullen umgelegt, sekundiert ihr als musikalischer Leiter, wiedergeboren als kerlige Schwester Felicitas. Die Probe zum Benefiz-Konzert wird zur Hit-Parade vom Spiritual ("Battle Of Jericho") bis zu Pop ("Bridge Over Troubled Water").
Für amüsante Glanzlichter sorgt Edgar Bessens weltlichen Freuden durchaus nicht abholder Pater im Clinch mit der kratzbürstigen Oberschwester Ursula (rauhe Schale, weicher Kern: Gisela Kraft). Seine Predigt, aufgepeppt mit Song-Einlagen, wird zur Unterhaltungsshow. Die "Kichererbse" Walburga (Angelika Wedekind) bringt gute Laune ins abgekartete Spiel, Katharina Blaschke als pichelnde Eugenia schrullige Komik und Carina de Jesus beseelte Stimmkraft ins Solo von "Amazing Grace". Nicht nur Josephine kommt glücklich davon, mit dem Plot-Wechsel ging auch die Uraufführung glatt über die Bretter. "Oh Happy Day".
* Sister Soul: Vorstellungen bis zum 3. 9. im Altonaer Theater, Museumstraße 17, Karten zu 15-35 Euro unter Telefon: 040/39 90 58 70.




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