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Kultur & Live

Kleinkunst, Keilerei und Krawattenmalen in Billstedt

Stadtteilkultur: Als Kind haute Michael Ehnert den Billstedter Jungs auf die Nase - inzwischen tritt er im "Kulturpalast im Wasserturm" auf.

Hamburg. Als Michael Ehnert sechs Jahre alt war, ist er mit seinen Eltern nach Mümmelmannsberg gezogen. Tag für Tag führte ihn sein Schulweg nach Horn durch das benachbarte Billstedt, gelegentlich trafen sich die Mümmelmannsberger und die Billstedter Jungs zur Keilerei auf dem Horner Kreisel. "Ich hab in Billstedt so manchen Schneidezahn verloren", sinniert Ehnert und rächt sich reimend: "Billstedt, Hamm und Horn / schuf der liebe Gott im Zorn." Spricht's, grinst und nimmt gelassen einen Schluck Latte Macchiato im neuen Wintergarten des Billstedter "Kulturpalastes im Wasserturm". Man ist ja nicht nachtragend.

"Wenn ich das hier heute sehe", sagt Ehnert, "bin ich schon traurig, daß es das damals nicht gab. Da gab's Häuser, 'ne Bushaltestelle und einen Supermarkt. Irgendwann brannten die Mülltonnen, und alle wunderten sich." Noch immer hat die Gegend mit Vorurteilen zu kämpfen. Daß das nicht so bleibt, dafür sorgen auch Dörte Inselmann, seit 25 Jahren Geschäftsführerin im "Kulturpalast", und Susanne Jung, als Veranstaltungsmanagerin seit 18 Jahren dabei. Mit der liebevoll renovierten Villa in Bahnhofsnähe führen die Frauen ein generations- und spartenübergreifendes Haus, "in dem man sich kennenlernen kann, aber nicht muß".

"Billstedt ist wie eine Kleinstadt innerhalb Hamburgs", erklärt Inselmann. "Hier leben über 100 000 Einwohner, und wir wollen die Wirkung von Kultur in diesem Raum erhöhen und weiterentwickeln." Seit 25 Jahren gibt es die Billstedter Initiative für Stadtteilkultur, anfangs logierten die Initiatoren über der Durchfahrt einer alten Schmiede.

"Im Winter gab's keine Heizung, und Stühle mußte man sich mitbringen", erinnert sich Inselmann. 70 Quadratmeter hatten die Macher damals zur Verfügung, der Name "Kulturpalast" ist eine ironische Erinnerung an jene Anfangstage. 1993 zog man schließlich - "Henning Voscherau hat's möglich gemacht" - in das damals leerstehende Wasserwerk, ein 1912 errichtetes wunderschönes Gebäude in Fußnähe des Billstedter U-Bahnhofes. Seit letztem Jahr ergänzt der Musikklub "Bambi Galore" das Angebot, eine Kellerdisco im (trockengelegten) alten Wasserspeicher.

"Das neue Musikmilieu im ,Bambi Galore' ist richtig erfrischend", findet Jung. Genauso wie der um einen lichten Wintergarten erweiterte Gastronomiebereich im Erdgeschoß: "Gastronomie ist ja immer etwas Offenes. Da kommen die Leute gern hin", weiß Jung. "Und wenn sie dann erst mal da sind, entdecken sie, daß da noch viel mehr ist." Theater, Tanz und Kabarett zum Beispiel - über 200 Veranstaltungen pro Jahr gehen über die Bühne des Wasserwerks, dazu kommen 26 Arbeitskreise, 40 freie Gruppen und rund 70 Kurse.

Die Bandbreite könnte größer kaum sein: Da gibt es politisches Kabarett wie das vom Bader-Ehnert-Kommando, mit dem Michael Ehnert vor seiner Solokarriere "unzählige Male" in Billstedt aufgetreten ist und sich jedes Mal den Kopf gestoßen hat, wenn er durch die hintere Bühnentür stieg. Da ist der traditionelle Männerchor "Schiffbeker Liedertafel", den es schon seit 130 Jahren gibt und der damit Billstedts ältester Verein ist. Und da sind natürlich auch die orientalische Bauchtanzgruppe und die unvermeidliche Seidenmalgruppe, die sich immer freitags trifft und, zum Beispiel, Krawatten gestaltet, die dann zu Weihnachten in der Verwandtschaft verteilt werden.

"Ich glaube, daß man hier mit wenig Geld vergleichsweise viel erreichen kann", sagt Inselmann. "Alles, was an den großen Bühnen läuft, hat ja irgendwann irgendwo angefangen. Wir ziehen sowohl Bühnennachwuchs als auch Publikum für andere Spielstätten heran, das darf man nicht unterschätzen." Michael Ehnert nickt: "Das wir mit dem Bader-Ehnert-Kommando so weit kommen konnten, das haben wir auch der Basisarbeit der Stadtteilkulturzentren zu verdanken."

Heute wohnt Ehnert - trotz aller Fortschritte - weder in Mümmelmannsberg noch in Billstedt: Er ist mit Familie nach Klein Flottbek gezogen. Jugendliche Kloppereien auf dem Horner Kreisel bleiben seinen Kindern damit erspart. "Aber soll ich Ihnen mal was über Klein Flottbek erzählen?" fragt der Kabarettist. "Da, wo wir wohnen, gibt's auch keine Spielplätze. Weil da nämlich jeder seine eigene Schaukel im Garten hat. Und das kann's irgendwie auch nicht sein, oder?"

 

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