Die Kreativen in der alten Polizeiwache
Stadtteilkultur: Mit Michael Batz im Kulturhaus Eppendorf, das nach 15 Jahren am festen Platz um seinen Standort bangen muß.
Hamburg. Wer das Kulturhaus in der Martinistraße 40 erreichen will, der muß nicht nur den Strom der Autos am Ring 2 passieren, sondern auch den Zugang zum Hinterhofidyll suchen. Fast ausgeschlossen, daß Besucher zufällig hier landen. "Zugegeben", sagt Geschäftsführer Klaus Kolb, "an der Landstraße bei Karstadt hätten wir einen günstigeren Standort. Aber es kommen auch ohne Laufkundschaft viele Leute zu uns: "Ungefähr 21 000 Besucher gehen jedes Jahr ein und aus."
Der Hamburger Theatermacher und Lichtkünstler Michael Batz ist dem Kulturhaus seit den Anfängen verbunden, als er Kampnagel-Dramaturg war und es als eine wichtige Aufgabe der Kulturfabrik ansah, daß dort auch die lokale Kultur im Blick sein sollte. "Wir suchten den Dialog mit Quartieren in der Stadt", sagt er. Batz hat seither vorgemacht, wie fruchtbar es sein kann, wenn Orte mit ihrer eigenen Geschichte zu Spielorten fürs Theater werden - idealtypisch im "Hamburger Jedermann", der die Speicherstadt nicht nur als pittoreske Kulisse nutzt, sondern zum Mitspieler macht. Und auch in Eppendorf läßt sich Batz zu eigenen Programmen inspirieren: Seit 1995 nutzt er zusammen mit dem Eppendorfer Künstler Gerd Stange den unterirdischen Röhrenbunker an der Tarpenbekstraße 68 (Ecke Lokstedter Weg), den er für diesen Zweck zur Subbühne umfunktioniert.
Letzteres wäre unmöglich, gäbe es nicht das Kulturhaus einige Ecken davor, wo die Macher Verena Ziegler, Maritta Grebe und Klaus Kolb in einer Symbiose mit den Historikern Hakim Raffat und Maria Kose vom Stadtteilarchiv leben. Im Souterrain des Hinterhofhauses von 1897, das rund 50 Jahre lang eine Polizeiwache war, stehen dem Kulturhaus auf 270 Quadratmetern drei Seminarräume, eine Bühne und ein Bistro zur Verfügung. Und auf der Rückseite des Gebäudes findet sich ein Häuschen, in dem auf engstem Raum das Stadtteilarchiv Eppendorf betrieben wird, das u. a. den Tiefbunker am Lokstedter Weg verwaltet und dort auch Veranstaltungen mit Schulklassen organisiert.
113 000 Euro beträgt die jährliche Zuwendung der Kulturbehörde fürs Kulturhaus. Durch Vermietungen, Veranstaltungen und Kurse konnte der Etat auf 220 000 Euro angehoben werden. "Menschen von vier bis 80 nutzen das Haus", sagt Verena Ziegler. Es werden Kindertheater und Seniorentanz angeboten, Kinderspanisch und Gesundheitsvorsorge, Kunsttherapie und Esperanto, Aktzeichnen und Qi Gong. Es gibt Tauschringe, Ausstellungen, zweimal im Jahr findet ein Flohmarkt statt. Markant an diesem Stadtteilkulturzentrum sind die vielen künstlerischen Amateurensembles: das Sinfonieorchester Eppendorf, der Madrigalchor, Kabarett, Theater. Hinzu kommen Vermietungen an eine Behinderteninitiative, an Selbsthilfegruppen und Weight Watchers, die auch von weiter her anreisen, weil Eppendorf ein zentraler Treffpunkt ist.
Dieser kulturelle und soziale Fixpunkt ist jedoch in Gefahr. Die Stadt braucht Geld, das Gebäude soll veräußert werden. Immerhin hat das Kulturhaus mit Unterstützung aller Parteien in der Bezirksversammlung Nord erreicht, daß es in der Ausschreibung des Objektes als Mieter für mindestens fünf Jahre behalten werden soll. Eine Garantie zum Bleiben ist das nicht. Und neue Standorte in Eppendorf dürften kaum zu finden sein. Michael Batz erinnert die Politik daran, daß hier mit minimalem Aufwand Basisarbeit geleistet wird: "So ein Stadtteilkulturzentrum ist doch das beste Modell, das man sich denken kann: Mit geringen Mitteln erreicht man hohe Wertschöpfung." Und Klaus Kolb fügt hinzu: "Eppendorf würde etwas Wichtiges verlieren. Seit 1989 wurden hier die Interessen der kulturell Aktiven gebündelt. Leidtragende einer Schließung wären vor allem Kinder und Alte."



Branchenbuch Hamburg


100. Geburtstag
Axel Springer
Abendblatt auf Facebook

Das Rätsel des Tages




