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Kultur & Live

Horwitz' zweite Heimat

Stadtteilkultur: Warum der Schauspieler das Goldbekhaus in Hamburg-Winterhude liebt.

Hamburg. Die Gegenwart hat es sich so gut in der Vergangenheit eingerichtet, daß nicht einmal der Blick in die Zukunft schrecken kann. Die Gegenwart, das ist das Stadtteilkulturzentrum Goldbekhaus in Winterhude, seit 1981 angesiedelt auf dem früheren Gelände der Chemiefabrik Schülcke & Meyer, Hersteller unter anderem des Desinfektionsmittels Lysol. Das Goldbekhaus bildet eine Einheit mit den alten Fabrikgebäuden, die im Jahr 2000 von Grund auf saniert wurden und seither von Künstlern oder gewerblich genutzt werden. Gerahmt und überragt wird das harmonische Ensemble von zwei Neubaukomplexen, in denen die Zukunft zu Hause sein soll: Am Poßmoorweg wächst ein Gebäude in die Höhe, das vom Jahreszeiten-Verlag genutzt werden wird; und am Goldbekkanal steht ein Büroblock, der zeigt, welche Unwägbarkeiten der Neue Markt eröffnet. Seit mobile.de zur Mutter eBay nach Berlin gehen mußte, sind reichlich Leerstände im Hause unübersehbar.

Daß die Chemie auf der kleinen Stadtteilkulturinsel dazwischen stimmt, bestätigt ein prominenter Mieter im alten Fabriktrakt: "Für unsere Produktionsgesellschaft suchten wir ein Zuhause, nicht einfach ein Büro, sondern einen Ort, der eine Seele hat", erzählt Dominique Horwitz (48), der gemeinsam mit seinem Geschäftspartner und Freund Christoph Hauptmann (43) in der Nachbarschaft des Goldbekhauses fündig wurde. "Dieser Ort ist nicht ohne Bedeutung für das, was wir hier erarbeitet haben", sagt der Sänger und Schauspieler.

Seit dem Januar 2000 betreiben Horwitz & Hauptmann hier ihr Büro und gehören wie ihre Nachbarn, die Kinderbuchautorin Jutta Bauer und die Trickfilmerin Katrin Magnitz, dem Verein Goldbekhof an, der quasi in Symbiose mit dem Goldbekhaus lebt. Die Künstler profitieren nicht nur von der kreativen Atmosphäre, sondern sie engagieren sich auch ab und zu für die Stadtteilkultur: Jutta Bauer etwa malte mit Kindern, Dominique Horwitz machte hier eine Generalprobe seines Jacques-Brel-Abends nur für die Anwohner und übernahm die Patenschaft für das Eigenarten-Festival - nicht, weil er es als Pflicht empfunden hätte, sondern einfach, weil er Lust dazu hatte.

"Was hier - sozusagen gleich um die Ecke - stattfindet, das ist das Gegenprogramm zum allgemeinen Rumgejammere", sagt Christoph Hauptmann. "Hier wird Kultur einfach gemacht, die ganze Woche über, und alles ist bezahlbar. Das wird zuwenig wertgeschätzt. Obwohl wir beide schon vorher hier wohnten und Dominiques Kinder hier in Turngruppen mitmachten, haben wir das erst richtig wahrgenommen, seit wir auf dem Gelände arbeiten."

Zwar mag der erste Blick auf die Zettelwand im Eingangsbereich des Goldbekhauses, wo für Feldenkrais, Kreatives Schreiben, Kinder-Yoga, Tiefenentspannung und Body Talk geworben wird, noch gern gepflegte Vorurteile über die Alternativkultur bestätigen, doch das Zentrum ist längst ein gut organisierter Betrieb mit einem Etat von 750 000 Euro, der durch die jährliche staatliche Zuwendung von 386 500 Euro und Einnahmen durch Kurse, Veranstaltungen und Vermietungen gespeist wird. 147 000 Besucher - ohne Gastronomie - kamen 2004 ins Goldbekhaus. "Unsere Stärke ist die große Palette", sagt Peter Rautenberg (49), Veranstaltungsmanager und einer der acht festen Mitarbeiter. "Wir haben ungefähr 60 Kurse, darunter Bewegungsangebote für Kinder und Senioren, viele Kreativkurse, eine monatliche Disco für all jene, die ohne Schickimicki tanzen gehen wollen, und im Sommer Open-air-Kino mit Dokus auf einem ratternden Projektor gleich am Kanal." Für weiteren Zulauf sorgt das Restaurant "Bootsmann", das moderate Preise und einen hinreißenden Biergarten hat. Hinzu kommt Spitzenkultur in der Nische wie das Flamenco-Festival oder das heute startende Gipsy-Festival mit internationalen Sinti- und Roma-Musikern.

Im kommenden Jahr wird das 25jährige Bestehen des Goldbekhauses unter dem Motto "Heimspiel" gefeiert. "Wir wollen dann das ganze Gelände erobern", sagt Peter Rautenberg. "Gebt uns kurz vorher Bescheid, wenn ihr unser Büro heimsuchen wollt", erwidert Dominique Horwitz salopp und bietet statt dessen sicherheitshalber einen Brecht-Weill-Liederabend an. "Es ist uns eine Ehre, hier aufzutreten. Und eine gute Möglichkeit, etwas auszuprobieren - in unserer künstlerischen Heimat."

 

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