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Kultur & Live

Erinnerung an Günter Wand beflügelt die Musiker

Nagano begeistert zur Eröffnung des S+H-Fesivals

Lübeck. Alles sah so aus, als ginge es in gewohnter Manier um die Eröffnungskonzerte des Schleswig-Holstein Musik Festivals: der Saal ausverkauft, die Stimmung am Sonnabend festlich gespannt, gestern hielten Ministerpräsidentin Heide Simonis und Festivalchef Rolf Beck ihre staatstragenden und sponsorenstreichelnden Begrüßungsreden. Doch der Abend in der Lübecker Musik- und Kongresshalle war mitnichten "nur" ein Konzert, er war unter der Überschrift "In memoriam Günter Wand" vor allem eine Therapiesitzung vor Publikum für das NDR-Sinfonieorchester. Wenige Monate nach dem Tod des Ehrendirigenten, wenige Wochen nach der schmerzhaften Erkenntnis des auf hohem Niveau gescheiterten Christoph Eschenbach, Bruckners Neunte, ein Hauptwerk des greisen Wand, wegen zu großer Nähe vorerst lieber unangetastet zu lassen. Jetzt war es an Kent Nagano, einem erklärten Liebling des Orchesters und bekennendem Wand-Jünger, ein neues Kapitel der Vergangenheitsbewältigung anzugehen. Nagano war klug genug, dabei fast von vorn im Werkkatalog zu beginnen. Er hatte sich die Dritte ausgewählt. Ein noch unbehauener, immer wieder um Form und Fortsetzung ringender Rohling aus der Komponistenwerkstatt, mit dem sich das Orchester buchstäblich freispielen konnte, frei von der dichten, bedrückenden Erinnerung an den Ziehvater und Zuchtmeister. Naganos elegante, zielstrebige Wegweisung zur erlösend strahlenden Dur-Katharsis im Finalsatz war souveräne Hilfe zur Selbsthilfe. Er beschönigte zunächst nichts, im Gegenteil, betonte das Bruchstückhafte der ersten Sätze durch rigides Abbremsen in die vielen Pausen hinein. Alles musste raus, alles durfte raus. Im dritten Satz war das Schlimmste dann vorüber, sanfte Fröhlichkeit entspannte den Klangkörper. Zwei Cellisten lachten sich verschmitzt an, bevor es ins Finale ging. Das hätte es unter Wand nun wirklich nicht gegeben. In diesem gruppendynamisch so wegweisenden Moment jedoch war es das Beste, was passieren konnte. Dass Nagano, am Ende begeistert gefeiert, den Abend mit Haydns 101. Sinfonie begonnen hatte, war ein pfiffiges Ablenkungsmanöver des Orchesterpädagogen. Die scheinbare Harmlosigkeit der populären Fließbandarbeit, der Spaß am Ausarbeiten kleiner thematischer Phrasen zu sinnstiftenden Sätzen, das Erlebnis, mit großer Besetzung kammermusikalisch zu spielen, all das bereitete die Trauerarbeit einfühlsam vor. Ein großer Abend, in vielerlei Hinsicht.

 

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