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Kultur & Live

"Der Holocaust läßt sich nicht verfilmen"

Nobelpreisträger: Imre Kertesz' "Roman eines Schicksallosen" ist jetzt unter dem Titel "Fateless" im Kino zu sehen. Der ungarische Schriftsteller spricht über das Glück und sein Leben im KZ und Kommunismus.

Hamburg. ABENDBLATT: Gerade wurde ausgiebig das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren gefeiert. Waren Sie als einer der wenigen überlebenden Auschwitz-Häftlinge dabei?

IMRE KERTESZ: Nein. Ich habe meine Pflicht getan und im Zusammenhang mit dem Holocaust ein Lebenswerk geschrieben. Ich war im vorigen Jahr in Buchenwald. Das war genug. Ich habe viele Einladungen bekommen. Ich hätte von einem Konzentrationslager zum anderen laufen können. Wie in guten alten Zeiten. Diesmal als Ehrengast.

ABENDBLATT: Haben Sie Kontakt zu anderen ehemaligen KZ-Häftlingen? Sprechen Sie mit ihnen über diese Zeit?

KERTESZ: Ich habe Claude Lanzmann, den Regisseur des "Shoa"-Films, kennengelernt und den Autor Jorge Semprun. Aber wir sprechen nie über diese Zeit. Das ist kein schönes Thema. Außer Anekdoten gibt es nichts zu erzählen. Aber die Erfahrungen sind unerschöpflich.

ABENDBLATT: Was heißt "schicksallos"?

KERTESZ: Das heißt, daß man ein aufgezwungenes Leben lebt, keine Möglichkeit hat, ein eigenes Schicksal zu leben. Meine Hauptfigur etwa ist jüdisch geboren, aber dieser Begriff bedeutet ihm überhaupt nichts. Ihm wird vom Schicksal das Leben eines jüdischen Kindes aufgezwungen. Er kommt ins Konzentrationslager. Nachdem er überlebt, gerät er in eine Diktatur, wieder ein Lügensystem, dem er unterworfen ist. Er hat keine eigene Geschichte, mit der er sich auseinandersetzen kann. Zum Leben gehört die Möglichkeit der Wahl. Das einzige, was er gelernt hat, ist: Wenn man überleben will, muß man sich selbst der schändlichsten Logik anpassen, mit Menschen kollaborieren, die dazu da sind, einen zu töten.

ABENDBLATT: Welche Erfahrung hat Sie stärker geprägt, das Leben im KZ oder im kommunistischen Ungarn?

KERTESZ: Es war eine Kontinuität. Ich habe mein Konzentrationslagerleben unter den Kommunisten weiterleben müssen. Die Lügerei, die Angst, die Freiheitsberaubung, die Geschlossenheit des Systems, das einen verfolgte, das ist alles weitergegangen. Es war wie eine Wiederholung. Als Erwachsener unter Kadar habe ich es stärker erlebt denn als Jugendlicher im KZ. Vielleicht auch, weil ich jetzt erst die Gesetzmäßigkeiten erkannte. Ich hätte nie über das Konzentrationslager schreiben können, wenn ich nicht im kommunistischen Ungarn hätte leben müssen. Der Kommunismus war für mich, was für Proust die "Madeleine" war, die er in den Tee tauchte. Durch den Kommunismus kam der Geschmack der Vergangenheit wieder hoch. Erst da habe ich begriffen, was ich eigentlich erlebt hatte, wie eine Diktatur mit den Massen umgeht. Die stalinistische Diktatur hat mich von allen Illusionen befreit.

ABENDBLATT: Sie haben 13 Jahre an Ihrem Roman gearbeitet und dabei sicher all Ihre Erfahrungen permanent nochmals durchlebt.

KERTESZ: Ja, aber es war interessant, weil ich mich dadurch verändert habe. Der Schriftsteller ist ein interessantes Tier. Er kann das Material, das für andere eine lebenslange Last ist, steuern. Dadurch, daß ich dieses Material in eine Form bringe, kämpfe ich damit. Ich sage nicht, daß es eine Freude für mich war. Aber so konnte ich es überwinden.

ABENDBLATT: Ihre Budapester Wohnung war nur 29 Quadratmeter groß. Wie hält man das aus, jahrzehntelang dort zu sitzen und zu schreiben?

KERTESZ: Damals habe ich geglaubt, ich bin unglücklich, aber es war eine schöne Zeit. Ich war sehr glücklich, hatte große Pläne.

ABENDBLATT: Was ist Glück?

KERTESZ: In meiner kleinen Wohnung habe ich alles erdacht, was ich später geschrieben habe. Ich habe mich damals zwar sehr bedrückt gefühlt, aber ich fühlte auch diese unvergleichbare Freiheit, eine Welt, eine Romanwelt ohne Rücksicht schaffen zu können. Als der Roman 1973 erschien, wurde er abgelehnt, und ich wollte ihn in den Westen schmuggeln lassen. Aber damals wäre er auch im Westen abgelehnt worden. Die Zeit war noch nicht reif für diese Art von Auseinandersetzung mit dem KZ. Hätte ich im Westen gelebt, hätte ich dieses Buch und auch alle meine weiteren Bücher nicht geschrieben. In einem freien Land übt ein Dichter viel mehr Selbstzensur als in einer Diktatur. Ich mußte auf gar nichts Rücksicht nehmen. Man kann so bitter sein, wie man will. In einem freien Land trägt ein Schriftsteller eine gewisse Verantwortung für die Gesellschaft.

ABENDBLATT: Ihr Roman ist damals nur in ganz kleiner Auflage publiziert worden.

KERTESZ: Das war ja das Gute. Ich lebte im Kommunismus. Alles, was dort Erfolg hatte, war schlecht. Glücklicherweise gefiel mein Buch überhaupt nicht. Es ist irgendwie schizophren. Man schreibt und sucht nach Anerkennung. Aber natürlich nicht von diesen Leuten. Überall herrschte Zensur. Man konnte nicht lesen, was man wollte. Dieser sogenannte Sozialismus war eine furchtbare Sache. Aber man hatte nichts anderes zu tun, als zu schreiben. Ich hatte nichts mit dem literarischen Betrieb in Ungarn zu tun. Mit einem Freund habe ich Musicals geschrieben. Die sind auch aufgeführt worden.

ABENDBLATT: Hatten Sie Hoffnung, daß es endet?

KERTESZ: Es war klar, daß es nicht bleiben würde. Weil alles verlogen und der menschlichen Natur völlig fremd war. Aber wie hätte es enden können? Durch Krieg? Daß die Sowjetunion zusammenbrechen würde, hat man sich nicht vorstellen können.

ABENDBLATT: Warum sind Sie 1956 nicht geflüchtet?

KERTESZ: Ich war 27 Jahre alt und hätte in keiner neuen Sprache schreiben können. Ich hatte eine kleine Wohnung, keine weiteren Verpflichtungen, konnte mit wenig auskommen. Im Konzentrationslager hatte ich immer daran gedacht, daß zu Hause alles so geblieben ist, wie ich es verlassen hatte. Ich wollte in diese Welt meiner Eltern zurück.

ABENDBLATT: Sie haben das Drehbuch zu "Fateless" geschrieben. Gefällt Ihnen das Ergebnis?

KERTESZ: Ja. Der Regisseur hat auf spektakuläre Szenen verzichtet, was dem Roman entspricht. Der Holocaust läßt sich nicht verfilmen. Was man im Film wie im Roman zeigen kann, ist die Geschichte einer Entpersonalisierung, einer Entmenschlichung. Der Film zeigt das Ausgeliefertsein und Dahinvegetieren und in den Pausen zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich ist.

 

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