Ein Kerl, ein Held, ein Leben wie Hollywood
Clint Eastwood: Vier Oscars für seinen neuen Film - mit 74 Jahren zeigt er allen noch, was eine Harke ist. Aber worin liegt das Geheimnis seines Erfolges?
Hamburg. Solche Geschichten lieben die Menschen. Ein armer Junge, der bei der Großmutter aufwächst und die Schule nicht schafft, schlägt sich als Tankstellenwärter und Holzfäller durch und kommt als Statist zum Film. Dort muß er als Pilot in "Tarantula" eine Riesenspinne mit Napalm bombardieren und darf dann, in 150 Folgen der Fernsehserie "Cowboys", mit einer auf wenige Gesten reduzierten Darstellung zu bescheidenem Ruhm aufsteigen. Bis ihn 1964 Sergio Leone für den Italowestern "Für eine Handvoll Dollar" entdeckt. Von da an steigt die Karriere Clint Eastwoods unaufhaltsam zu höchsten Höhen auf.
In 60 Filmen hat er gespielt, bei 24 auch Regie geführt, für viele überdies die Filmmusik komponiert und als Produzent gearbeitet. 1992, mit 65 Jahren, bekam er bereits den Oscar für sein Lebenswerk - eine eigentlich karrieretötende Auszeichnung, da sie gewöhnlich das Ende einer Laufbahn markiert. Ein Jahr später erhielt er zwei Oscars für "Erbarmungslos" - als bester Produzent und als bester Regisseur. Sein Vermögen soll sich der Milliardenhöhe nähern. Und wenn man die sechs Kinder von fünf Frauen dazurechnet, scheint die Bilanz seines Lebens auch privat recht erfolgreich zu sein. "Ich bin ein ausgesprochener Familienmensch", sagt Eastwod über sich. Jeden Tag telefoniert er mit seiner 96jährigen Mutter, fast alle seine Ex-Frauen sind noch mit ihm befreundet.
Das ist sein Leben. Ein amerikanischer Traum. Ein Traum, wie ihn Hollywood sich nicht schöner hätte ausdenken können. Sein Gesicht kennen mehr als zwei Generationen. Ob als "Dirty Harry", als alternder Westernheld in "Erbarmungslos", als Bodyguard in "In The Line of Fire" oder als Liebhaber in "Die Brücken am Fluß". Clint Eastwood ist der meist stille, geheimnisvolle, gerechte Kerl, der so männlich wirkt, weil er Vertrauen weckt, uneitel ist und nie dumm herumredet.
Dabei ist Eastwood nicht wirklich ein guter Schauspieler, auch wenn die Rollen, die er spielt, oft lange in der Erinnerung haftenbleiben. Woran liegt das? Seine Mittel sind begrenzt, er ist nicht wandlungsfähig. Eastwood ist immer Eastwood, geradeheraus, gerecht, groß und schlank, mit den Jahren immer faltiger, konservativ und, wenn's sein muß, auch ein bißchen gewalttätig. In der Branche nennt man ihn wegen seiner kostensparenden Arbeitsweise auch "Mr. Efficiency". In einer Anekdote, die Donald Sutherland gern erzählt, ruft Eastwood ihn an, um ihn für den Film "Space Cowboys" zu engagieren. Don: "Gage?" Clint: "Nur 100 000 Dollar." Don: "Okay." Clint: "Wohin soll ich es überweisen?"
Disziplin, Planung, Perfektion, so arbeitet Eastwood. Auch der Film "Million Dollar Baby", für den Eastwood jetzt als bester Regisseur den Oscar bekam, wurde mit einem für Hollywoodverhältnisse unglaublich knappen Budget hergestellt. Nicht nur, daß der Film lediglich 30 Millionen Dollar kostete (große Hollywoodprojekte verschlingen inzwischen fünfmal soviel). Eastwood hat auch gleich die erste Fassung des Drehbuchs von Paul Haggis verfilmt. Und das in nur 37 Drehtagen. So etwas hat man seit Jahrzehnten dort, wo Drehbücher in oft jahrelanger Arbeit bis zu 20mal und bis zur Unkenntlichkeit umgeschrieben werden, nicht mehr erlebt.
Filme über Boxer gelten gemeinhin als Kassengift. Wer hätte gedacht, daß ein Film über eine Boxerin Millionen von Zuschauern fesseln kann und am Ende sogar zu Tränen rührt? Eastwood hat an die Story geglaubt, denn "Million Dollar Baby" erzählt die Geschichte eines hollywoodreifen Traumes. Ein Mädchen - eigentlich eine Frau, denn mit 30 Jahren ist sie viel zu alt - will Karriere als Boxerin machen. Dazu kommt sie zu Eastwood, der ein ziemlich heruntergekommenes Boxstudio betreibt, und bittet ihn, sie zu trainieren. Er will nicht, doch schließlich kommen die beiden zusammen, und er bringt sie groß raus, bis . . . Es ist eine Geschichte von Menschen, die das Schicksal zusammenführt, die daraus das Beste machen wollen und die miteinander das Schrecklichste erleben. Es ist ein Film vom Kampf, von Sieg und Verlust. Und natürlich auch von Liebe.
Eastwood erzählt das mit so leichter Hand, mit so sparsamen Gesten, daß es wirklich zu großer Kunst wird. Möglicherweise kann er das, was er sein Leben lang praktiziert hat, nun, mit 74 Jahren, zur Perfektion bringen. In der Sparsamkeit seiner Ausdrucksmittel liegt sein großes Geheimnis. Genau das, was man bei einem jungen Mann noch für Attitüde halten könnte, spricht bei Eastwood für Weisheit.
Erstaunlich, daß in der Filmbranche, die lange vom Jugendwahn lebte, nun eine Wende anzustehen scheint. Es werden wieder Filme für Erwachsene erzählt. Und es arbeiten wieder Menschen beim Film, die Lebenserfahrung mitbringen und ihr Handwerk gelernt haben. Neben Eastwood war für den Oscar auch Martin Scorsese ("Aviator") nominiert. Einer, der unwesentlich jünger als Eastwood ist. Auch andere Regisseure, die die 70 überschritten haben, feiern wieder Erfolge: Robert Altman, Mike Nichols (gerade mit seinem hinreißenden "Hautnah" im Kino), Polanski mit dem "Pianisten".
Überhaupt scheint sich das Bild von der jugendfixierten Kultur zu verändern. Alvin Sargent ist 73 - ein Alter, in dem man in Hollywood bisher schon mindestens 15 Jahre als "mausetot" galt -, und er hat soeben das Drehbuch für "Spider Man 2" geschrieben. Auch in der Literatur haben Philip Roth, John Updike und Tom Wolfe (alle über 70) die meistbeachteten Romane der letzten Monate herausgebracht.
Eastwood, der immer ein Einzelgänger war, verschwendet in seinem Alter keinen Gedanken mehr darauf, was irgend jemand in Hollywood über seine Arbeit denkt. Er macht sie einfach. "Ich muß nichts mehr beweisen", sagt er. "Ich habe keine Angst mehr zu versagen. Das macht mich frei für gute Arbeit."




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