Außenseiter in Hollywood
US-Regisseur Alexander Payne über das ganz normale Leben in Amerika. Ein Gespräch zum Start seiner Filmkomödie "Sideways".
Hamburg. Favorit bei den diesjährigen Academy Awards ist ganz klar Martin Scorsese mit seinem Howard-Hughes-Biopic "The Aviator". Bisher hat Scorsese in seiner langen Karriere noch nie einen Regie-Oscar gewonnen. Er wäre eigentlich dran. Aber das haben andere Favoriten auch schon geglaubt und saßen dann doch mit langen Gesichtern im Shrine Auditorium von Los Angeles.
Einer, der ganz entspannt zu der bedeutendsten Film-Gala der Welt gehen kann, ist Alexander Payne. Der Grecoamerikaner aus Nebraska, mit dem Namen Alexander Papadopoulos zur Welt gekommen, ist klarer Außenseiter im Rennen um die begehrte Trophäe - und wird sie wohl gerade deshalb bekommen.
Payne gehört auch in Hollywood zu den Außenseitern, denn seine in fünf Kategorien nominierte Komödie "Sideways" hat so gar nichts, was übliche Hollywood-Filme auszeichnet: keine großen Stars, kein großes Budget. "Aber es gibt inzwischen ein Publikum für diese Filme, und die Produzenten verlieren damit kein Geld", sagt der eloquente, 1961 geborene Regisseur beim Abendblatt-Interview im Berliner Ritz-Carlton-Hotel.
"Sideways" erzählt die Geschichte eines Junggesellenabschieds, bei dem sich die Freunde Miles und Jack in die Weintäler Kaliforniens aufmachen, um gemeinsam erlesene Tropfen zu verköstigen und ein bißchen Spaß zu haben. Doch irgendwie läuft die Sache aus dem Ruder: zuviel Alkohol, zuviel Sex, Katzenjammer. In den Hauptrollen sind Paul Giamatti und Thomas Haden Church zu sehen, alles andere als Stars innerhalb Hollywoods.
"Kommerzielles amerikanisches Kino zeigt unglaublich schöne Schauspieler, die große, schier unmögliche Taten vollbringen. Ich bin mehr am wirklichen Leben interessiert und an Filmen, die ein Spiegel menschlicher Erfahrungen sind und nicht irgendwelche falsche Projektionen", sagt Alexander Payne. Einem größeren Publikum ist der Regisseur durch seine Verfilmung von Louis Begleys Roman "About Schmidt" mit Jack Nicholson in der Titelrolle bekannt geworden. Schon hier zeigte sich Paynes Fähigkeit, dem "normalen Amerikaner" nachzuspüren und einen Fokus auf das Leben derjenigen zu werfen, die nicht am großen Rad drehen und deren größter Lebenstraum ein eigenes Wohnmobil ist.
Payne, der in Stanford Geschichte und Spanisch und an der UCLA Filmwissenschaften studiert hat, offenbart in seinen Filmen die Häßlichkeit Amerikas. "Was sehen Sie, wenn Sie vom Flughafen irgendeiner Stadt ins Centrum fahren?" fragt er. "Sie fahren mit Sicherheit durch die häßlichsten Stadtteile." Wichtig sind für Payne die Orte, an denen er dreht. Zusammen mit seiner Setdesignerin Jane Ann Stewart begibt er sich auf die Suche nach dem richtigen Diner, der richtigen Kneipe, dem richtigen Campingplatz. Büros, Bars und auch Wohnungen haben in Paynes Filmen stets etwas Trostloses. Sie sind zu karg oder zu vollgestellt, sie sind unaufgeräumt, und mit Sicherheit hängen so abgrundtief häßliche Bilder an den Wänden, die man nicht seinem ärgsten Feind schenken würde. "Wir bauen keine Orte, wir finden sie", gibt Payne eine Erklärung für die so real und authentisch wirkenden Bilder seiner Filme.
Jane Ann Stewart ist Teil des kreativen Teams, mit dem Payne arbeitet. Und in dem er sich selbst als eine Art Primus inter pares fühlt. "Bei ,Sideways' war ich sehr viel entspannter als bei den Filmen vorher. Ich habe meinem kreativen Team vertraut. Das Entscheidende bei der Regiearbeit ist, nicht die eigenen Ideen um jeden Preis durchzusetzen, sondern eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Kreativität aller entwickeln kann. Nicht nur der Schauspieler, sondern aller Beteiligten."
Seine Erfahrungen gibt er an Filmstudenten weiter. "Bei diesen Seminaren realisiere ich oft erst, wie weit ich mich als Filmemacher entwickelt habe und was ich gelernt habe - vor den Studenten muß ich es artikulieren."
Natürlich sind die Filme von Alexander Payne auch durch seine Herkunft geprägt. Er kommt eben nicht aus Los Angeles, New York oder einer der anderen großen Metropolen, sondern aus Omaha in Nebraska, tief im Mittleren Westen. Ein Ort ohne Glamour. "Die Wahrnehmung dort ist eine andere als in den Metropolen", sagt er. Deshalb hat er "About Schmidt" von New York (wie im Roman) nach Nebraska verlegt, deshalb spielt "Sideways" abseits der großen Städte.
Vielleicht ist die Zeit bei den Academy Awards auch reif für die kleinen Geschichten, die doch genauso rührend und genauso komisch sein können wie die großen. Dann wird Payne einen Oscar mit nach Nebraska nehmen. Seine Einstellung zum Filmemachen wird das nicht ändern.




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