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Kultur & Live

"Iß brav dein Süppchen"

Satire: Der Reimschmied und Karikaturist F.W. Bernstein über Dichter, Dichtung und Dampferlebnisduschen.

Hamburg. Seine Kollegen Robert Gernhardt und F.K. Waechter, hat der Dichter und Karikaturist F.W. Bernstein einmal gesagt, seien "Bundesliga", er selbst dagegen nur "zweite Liga". Schamlos untertrieben. Was wäre die Neue Frankfurter Schule, jene Satireschmiede, die sich bevorzugt in den Zeitschriften "Pardon" und "Titanic" verbreitete, ohne den von Bernstein ersonnenen Zweizeiler "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche"? Heute liest und rezitiert der Dichter und Karikaturist, der eigentlich Fritz Weigle heißt, im Literaturhaus. "In mir erwacht das Tier" heißt sein Programm verheißungsvoll. Dabei ist das einzige, was da in Herrn Bernstein schläft, ein Zuckerstreuer, wie wir einem seiner Gedichte entnehmen können: "Und wenn der mal erwacht, dann gute Nacht!" Vorher haben wir noch mit ihm gesprochen.

ABENDBLATT: Ist jeder Versfinder immer gleich ein Dichter?

F. W. BERNSTEIN: Wo fängt die Kunst an, und wo hört die Unterhaltung auf? Die hohe Lyrik ist natürlich eine besondere Berufung, erst recht im Deutschen. Alles andere ist ja Schriftstellerei. Von der Intuition und vom Dämon abhängig. Wir Versemacher und Reimschmiede dagegen, wir probieren herum, und gelegentlich glückt uns auch was. Aber das sollte doch kein Thema sein. In unserem Bereich, der Neuen Frankfurter Schule, da kommt es ja vor allem auf die Komik an.

ABENDBLATT: Wie anstrengend ist absichtsvolle Humorarbeit?

BERNSTEIN: Es ist ein anstrengendes Geschäft. Und man darf dem Produkt nicht ansehen, wie lange man auf den Einfall gewartet hat. Es kommt ja nicht einfach der Dämon vorbei, und dann hat man Spaß. Auch die Dichter und Karikaturisten, die ich kenne, sind keine Pausenclowns, keine Gaudiburschen und lustigen Vögel.

ABENDBLATT: Welche Dichter-Kollegen mögen Sie, welche Klassiker bewundern Sie - und warum?

BERNSTEIN: Natürlich muß ich da erst mal meine Komplizen ins Spiel bringen, besonders Robert Gernhardt, der die komische Lyrik auf ein sehr hohes, in einigen Fällen unüberbietbares Niveau gebracht hat. Er macht einem das Lesen und das Leben nicht schwer. Bei den finstersten Themen hat er noch diese Leichtigkeit drauf. Was übrigens ein Merkmal der ganz großen Lyrik ist. Selbst ein Gedicht wie die formal vollkommene Todesfuge von Celan hat eine Leichtigkeit und bricht nicht unter ihrem Thema zusammen. Einem Thema, über das Erich Kästner mal sagte: Man darf nicht drüber schweigen, man kann nicht drüber reden.

ABENDBLATT: Reden Sie darüber? Heute ist Gedenktag der Auschwitz-Befreiung. Gehen Sie in Ihrem Programm darauf ein?

BERNSTEIN: Nein, nein. Da soll man wirklich das Maul halten, wenn man nicht etwas Einschlägiges zu sagen hat. Zudem ist es auch Mozarts Geburtstag und der Geburtstag von Kaiser Wilhelm, dem zweiten. Das ist doch ein Argument gegen Astrologie.

ABENDBLATT: "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche" - dieses legendäre Zitat stammt von Ihnen, wird aber gern mal Herrn Gernhardt zugeschrieben. Kränkt Sie das?

BERNSTEIN: Ach was, er dementiert ja immer brav. Eine Sekunde, nachdem mir das auf einer gemeinsamen Autofahrt eingefallen war, fiel ihm dann ein: "Die schärfsten Kritiker der Molche waren früher selber solche." Und meins ist inzwischen so sehr in den Volksmund eingegangen, daß da eigentlich keiner mehr ein Urheberrecht drauf hat. Das stand mal als finnisches Sprichwort in der Zeitung, und auch Brecht ist es schon zugeschrieben worden. Es stand sogar schon mal auf einem Grabstein, da hat man mir dann eine Kopie geschickt. Wenn ich jetzt daherkäme und immer riefe: "Das ist von mir, das ist von mir!" - dann sagen die doch: "Ja, freilich, das ist von dir. Und nun sei brav und iß dein Süppchen."

ABENDBLATT: Es gibt das "Unwort des Jahres" und "Das schönste deutsche Wort", zuletzt "Humankapital" und "Habseligkeiten". Haben Sie ein Lieblingswort?

BERNSTEIN: Neulich hab' ich eins gelesen, das war unglaublich: Dampferlebnisdusche! "Habseligkeiten" halte ich für einen Scheiß. Und "Humankapital"? So eine patente Kapitalismuskritik. Das Wort ist seit Jahren im Handel! Aber wir reinen, edlen Seelen, wir verabscheuen das natürlich jetzt. Das ist doch Heuchelei.

ABENDBLATT: Die "Zeit" unterstellte Ihnen kürzlich "juvenile Heiterkeit".

BERNSTEIN: Das ist doch besser als seniler Trübsinn!

ABENDBLATT: Wie sehr sind Sie denn am Puls der Zeit? Waren Sie mal auf einem Poetry Slam?

BERNSTEIN: Ich hab mich nie recht hingetraut. Ich würde den Altersdurchschnitt wohl sehr anheben. Aber ich höre nur Gutes davon. Und wenn die Reimwerkerei unter den jungen Leuten so verbreitet wird, dann gibt es doch eigentlich keinen Grund zur Besorgnis. Dann ist die Barbarei noch fern.

ABENDBLATT: Und was halten Sie von Rap?

BERNSTEIN: Ich kenne mich zuwenig aus, bewundere es aber. Wie diese großen Könner, auch wenn sie manchmal sehr pointiert auf Schock aus sind, Reim und Rhythmus kombinieren - als Kunstform finde ich das ganz vorzüglich.

ABENDBLATT: Wie fühlt es sich an, wenn über Sie geschreiben wird, Sie hätten "ungeheuer viel Geist und Charme"?

BERNSTEIN: Ach, das ist alles sehr peinlich. Ich sag' natürlich: danke schön. Aber ich steh' da mit roten Ohren und zweifle an der Berechtigung. Als Satiriker darf man auch nicht zuviel gelobt werden. In einer Lobrede auf mich hat mal einer gesagt, ich sei nett. Nett! Das ist rufschädigend.

in mir erwacht ein tier: F.W. Bernstein tritt heute, 20 Uhr, mit Cello- und Klavierbegleitung im Literaturhaus auf. Eintritt 10,-/ 7,-/ 5,- Euro.

 

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