Putzen, Plumpsklo leeren, dienen und sich bedienen lassen
Zeitreise: Klassenunterschiede wie vor 100 Jahren: eine Familie und ihr "Personal"
Familie Weber ist komplett angetreten. Sitzt brav um einen Tisch zur Pressepräsentation der neuen ARD-Doku-Soap "Abenteuer 1900": Dr. Regina Weber, Chirurgin, Dr. Dieter Weber, Chirurg, und ihre sechs Söhne Thore-Frederik, Rickmer-Sören, Hennig-Ludwig, Enno-Philipp, Lennart-Eike und Ansgar-Erik. Alle Jungs in aufeinander abgestimmten rotweiß-gestreiften Tommy-Hilfiger-Pullis. Wirkt wie inszeniert, ist aber noch Realität. Die Show beginnt ein paar Minuten später - oder eigentlich: einhundert Jahre früher. Wieder treten die Jungs im Partnerlook an, diesmal in Matrosenanzügen. Und ihre Eltern sind Gutsherr und Gutsfrau, den passend preußischen Schnauzbart hatte Vater Weber schon vorher aufweisen können.
Nach dem unerwarteten Erfolg des sogar mit einem Grimme-Preis belohnten TV-Experiments "Schwarzwaldhaus 1902", für das die ARD vor zwei Jahren eine fünfköpfige Familie zurück auf einen Bauernhof schickte, wagt das Team um Produzent Thomas Kufus und Regisseur Volker Heise jetzt eine neue Zeitreise: Wieder geht es zurück in Verhältnisse wie vor 100 Jahren, diesmal in eine zeitgerecht hergerichtete hochherrschaftliche Umgebung: "Abenteuer 1900 - Leben im Gutshaus". Unter Erweiterung des Personenkreises: Nicht nur Familie Weber, die man passender nicht hätte stricken können, wurde vom Sender erst in Kostüme und dann in eine Mecklenburger Vergangenheit gesteckt, sondern mit ihnen ein ganzer Personalstab.
Weshalb Gewerkschaftern und Frauenrechtlerinnen von heute dringend vom Genuß der Vorabendserie abgeraten sei. Denn auf den Bildschirm geholt werden Zeiten, in denen Gerechtigkeit vermutlich nicht einmal als Begriff existierte. Klassenzugehörigkeit zählte mehr als Leistung, und eine Vorgesetzte verdiente weniger als ihr Untergebener, allein weil sie eine Frau war.
Svenja Brill lächelt verlegen. Sie hat Muskelpakete aufgebaut, von denen sie nicht einmal geahnt hat, daß sie existieren. Die inzwischen 18jährige hatte als Hausmädchen bei der ARD angeheuert, sich für deutsches Leben um 1900 beworben. Ein Kilo Kartoffeln kostete 4 Pfennig, ein Kutscher verdiente monatlich 57,50 Mark, ein Küchenmädchen ganze 3,50 Mark. Kein Urlaub, kein Weihnachtsgeld, kein Feierabend. Keine Selbstbestimmung. Die Lebenserwartung im Deutschen Reich lag zwischen 40 und 50 Jahren. Im Film sieht man Svenja vor Entkräftung weinen. Auch dem 23-jährigen Sebastian Butscheid laufen in einer Folge die Tränen. Stallbursche wollte er sein: "Ich würde es nicht noch mal machen", sagt er heute, "was nicht heißt, daß ich es bereue." 19 Menschen waren gemeinsam in der Vergangenheit. Eine Familie und ein Diener, ein Koch und ein Privatlehrer, ein Hausbursche und eine Küchenmamsell. Menschen, die zwischen dem Leeren von Plumpsklos und dem Ausrichten von Gesellschaften zwei Monate lang unterschiedlichste Erfahrungen mit dem beginnenden 20. Jahrhundert machen durften.
So intensive Erfahrungen, daß die Klassenunterschiede auch zum Pressetermin nicht ganz aufgehoben sind. So siezt beispielsweise der "Kutscher" noch immer den "Hauslehrer": "Ich könnte einfach nicht Dieter zu Ihnen sagen", sagt Götz Döring. Das wäre auch seltsam. Denn Hauslehrer Moseler heißt mit Vornamen Günther. (Maike Schiller)




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