Und wenn nur noch ein paar Finger übrig bleiben
Martins-Passion: Eine Film-Dokumentation über den hochbegabten Pianisten João Carlos Martins, der auch noch spielte, als seine Hände den Dienst versagten.
Hamburg. Es ist die Geschichte eines Besessenen. Eines, der seine Leidenschaft so fanatisch lebte, dass sie ihm letztlich zum Verhängnis wurde. Eines, der trotz vieler Schicksalsschläge immer wieder von vorn anfing. Bis heute ist João Carlos Martins ein unverbesserlicher Optimist geblieben - mit einer unbändigen Willenskraft. Einst wurde er als größter Bach-Interpret nach Glenn Gould gefeiert. Heute sind seine Hände verkrüppelt. Er hat sie regelrecht kaputtgespielt. "Eigentlich hätte ich mit 25 Jahren aufhören sollen, Klavier zu spielen. Aber mein Leben ist die Musik, deshalb bleibe ich dabei", sagt er heute.
Dabei begann alles so vielversprechend. Als Wunderkind. Mit acht Jahren gewann Martins seinen ersten Wettbewerb, mit 20 Jahren gab er sein umjubeltes Debüt in der Carnegie Hall. "Seine Technik versprüht Feuerwerke in alle Richtungen", schrieb die "New York Times". Und die "Washington Post" sah in ihm einen "Mann, geboren, um etwas Großes auf dem Klavier zu leisten". Es folgten Konzerte mit dem National Symphony Orchestra, dem Los Angeles Philharmonic Orchestra und dem Boston Symphony Orchestra.
Seine Einspielung des "Wohltemperierten Klaviers" von Bach wurde ein Verkaufsschlager. "Als ich ihn Bach spielen hörte", erzählt sein Plattenproduzent Heiner Stadler, "musste ich mit den Fingern schnippen." Martins Bach-Interpretationen sind intellektuell und leidenschaftlich zugleich. Genauso extrem wie die von Glenn Gould und doch ganz anders. "Wenn Glenn Gould in den arktischen Gefilden lebte, dann ist João Carlos' Temperament so heißblütig wie die Mittagshitze", beschreibt es der Radiomoderator David Dubal.
1966 dann das Aus. Martins verletzt sich beim Fußballspielen, seiner zweiten großen Leidenschaft, mit der brasilianischen Nationalelf im Central Park. Ein Stein bohrt sich in seinen rechten Ellbogen, drei Finger werden taub. Es folgen Operationen und Rehabilitationen. Martins gibt nicht auf. Übt weiter. Wenn die Finger versagen, springt der Wille ein. Das Comeback ist mühsam und erfolglos. Er hat die Kontrolle über den dritten, vierten und fünften Finger der rechten Hand verloren. Und daran ist er nicht ganz unschuldig. Er hat das Üben übertrieben und leidet an einer berufsbedingten Dystonie, an Muskelkrämpfen.
1970 gibt er doch auf und wird Banker, schließlich Boxpromoter und Konzertveranstalter. Seine Erfüllung findet er aber nicht. "Dass ich eine Leere in meiner Seele spürte, ist ja ganz klar." Nach sieben Jahren dann der Umschwung. Er hörte einen Pianisten spielen und dachte: "Das kann ich besser als dieser Typ."
Er fing wieder mit dem Üben an. Zehn Stunden pro Tag. 1978 feierte er dann sein grandioses zweites Debüt in der Carnegie Hall. Die Pause hatte geholfen, seine Dystonie war abgeklungen. Er begann mit der Einspielung des Bachschen Gesamtwerks. Doch der Erfolg währte nur kurz, die rechte Hand versagte Mitte der 80er-Jahre. Jetzt gründete er eine Baufirma, ging in die Politik und ruinierte seinen Ruf durch einen Spendenskandal.
Martins flüchtete sich erneut in die Musik. Er trainierte seine Finger und nahm die Arbeit an der großen Bach-Edition wieder auf. Bis zum nächsten Rückschlag: Er wurde überfallen, erlitt ein Gehirnhämatom. Die Gehirnzellen, die die Bewegung seines rechten Arms koordinieren, wurden beschädigt. Er begann eine spektakuläre Therapie, ließ sein Gehirn neu programmieren. Das Sprachzentrum sollte von nun an auch die Koordination des rechten Arms übernehmen. 1996 kehrte Martins auf das Konzertpodium zurück. "Natürlich schaffte ich es, Klavier zu spielen. Aber in dem Moment, in dem ich anfing zu sprechen, bekam ich Spasmen in der rechten Hand." Martins litt an unerträglichen Schmerzen. Immer wenn er sprach, musste er die Hand bewegen. Im Oktober 2000 wurde ihm deshalb der Nerv der rechten Hand durchtrennt. Ans Aufgeben dachte Martins damals nicht. "Warum sollte ich nicht ein neues Leben mit der linken Hand beginnen, um meine Gefühle über die Musik auszudrücken?", fragte er sich und spielte Stücke, die eigentlich für zwei Hände komponiert sind - bis auch die linke Hand spastisch zuckte.
"Wenn ich nur noch zwei Daumen hätte, würde ich mit zwei Daumen Klavier spielen." Im November vergangenen Jahres verabschiedete sich Martins laut eines "Spiegel"-Berichts von seinem Publikum in Sao Paulo. Er spielte ein paar Bach-Preludes und die Nationalhymne. Mit den Zeigefingern und den Daumen.




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