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Kultur & Live

Ich wusste nur: Ich will schreiben

Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Das Abendblatt stellt in dieser Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. Sie erzählen von ihren Ängsten und Zweifeln, von ihren Erfolgen und Sehnsüchten. In der fünften Folge berichtet Michael Weins davon, wie er Schriftsteller wurde.

Das Schreiben gab es in meinem Leben eigentlich schon immer. Mit fünf oder sechs hab ich ins Poesiealbum meiner Schwester Reime geschrieben. Das fanden alle niedlich. Dann eine Zeitung über die Straße, in der wir wohnten: Den "Imbekstiegkurier", aufgemacht wie das Hamburger Abendblatt, mit Geschichten und Skandalen aus der Nachbarschaft. Das war aber nur für mich - und hing bei mir an der Wand.

In der Pubertät hab ich erotische Gedichte verfasst. Da reimte sich Sibylle auf Pille. Und später gings um fallendes Herbstlaub . . . Aber das war für mich ein bisschen wie Bilder malen, ich hab mir da gar nichts groß bei gedacht. Wir hatten damals einen Deutschreferendar, der uns sehr ermutigte. Und natürlich war ich auch bei der Schülerzeitung. Ich hab so richtig schön jedes Klischee erfüllt. Dass ich mich damals nicht in Grund und Boden geschämt habe, in der Schülerzeitung Doppelseiten mit Gedichten zu füllen . . . Ich war wahnsinnig pathetisch und romantisch. Das hat sich erst mit den Jahren etwas abgeschliffen.

Auf eine Art war es mir wahrscheinlich tatsächlich peinlich. Aber das gehört wohl zum Künstlersein dazu, dass man Dinge macht, die einem selber schrecklich peinlich sind, und man tut so, als würde man es nicht merken. Und ich habe meine Sachen auch schon immer gern hergezeigt.

Ein klares Berufsbild dagegen hatte ich nie. Das war kein wirklicher Entschluss, mehr so ein Hineingleiten. Zur Abiturszeit haben einige Mitschüler und ich gegenseitig aufgeschrieben, was aus den anderen in zehn Jahren geworden sein wird. Dieser Zettel wurde versiegelt, um ihn erst nach Ablauf der Frist wieder gemeinsam zu lesen. Bei mir hieß es, ich würde Psychotherapeut sein, mit Rauschebart und eigener Praxis. Und ich würde immer noch Gedichte schreiben, mich mit Literatur beschäftigen. Ziemlich gute Prognose, genau diese beiden Dinge tue ich jetzt.

Gezielt war das alles weniger, ich wusste nur: Ich will schreiben. Aber letztlich schreiben alle Gymnasiasten heimlich Gedichte. Die Kunst ist vielleicht, nicht aufzuhören. Dann ist es gar nicht anders möglich, als irgendwann auf Gleichgesinnte zu treffen. Den Punkt aber, an dem ich gesagt hätte, ich professionalisiere das jetzt, den gab es nicht.

Meine erste Veröffentlichung war im "Hamburger Ziegel", da war ich total geehrt, das weiß ich noch. Meine erste Lesung hatte ich vor ungefähr zehn Jahren unter der Kuppel des Uni-Hauptgebäudes, wo ich wirklich schlotternd stand. Ich weiß gar nicht mehr, ob ich ein Honorar bekommen habe. Da war das Erlebnis wichtiger, als dafür auch noch Geld zu kriegen. Das höre ich übrigens heute noch manchmal von Seiten der Veranstalter: Geld ist doch nicht so wichtig, wenn man was für seine Ideale tut! Jaja. Klar. Jetzt will ich natürlich schon Geld, das hat aber auch was mit dem Lebensalter zu tun.

Wobei ich mein Geld noch immer vor allem mit der Psychologie verdiene. Ich habe Psychologie studiert und lange Jahre das Gefühl gehabt, ich müsste eine Entscheidung treffen, was beide Lebenswege anbelangt. Bis mir aufging, dass das nicht zwei Lebenswege sind, sondern einer. Meiner. Auch wenn es zwischendurch schon mal den Gedanken gab, das Studium zu schmeißen.

Und als das mit dem Veranstalten von Literaturclubs losging, habe ich mich eine ganze Weile von der Uni zurückgezogen. Der große Erfolg, mit dem wir so ja gar nicht gerechnet hatten, hat einen Sog ausgeübt, dem ich lange und gern nachgegeben habe.

Zu der Zeit begann ich mit dem Prosa-Schreiben. Und es kam komischerweise richtig gut an. Das war wichtig, denn den Wechsel von spinnerter Post-Gymnasiasten-Poesie zur Prosa habe ich als leidvoll erlebt. Das waren Monate der Sprachlosigkeit - ich hatte mich gründlich über.

Nebenbei war ich auch damals im psychologischen Bereich tätig, bis heute arbeite ich mit Kindern und Jugendlichen. Ein Job, der mich fordert, mir aber auch sehr viel gibt. Das empfinde ich als Bereicherung, die meinem Wesen genauso entspricht wie das Schreiben. Langeweile kenne ich kaum. Vormittags schreibe ich, zurzeit an meinem zweiten Roman, nachmittags gehe ich arbeiten. Dazwischen ist Mittagessen.

Das verbindende Element zwischen beiden Welten ist vielleicht mein Interesse für Menschen. Für Randfiguren. Mein Verlag hat mir schon mal gesagt: Schreib doch nicht immer über Außenseiter, sondern mal über einen Börsenmakler! Tja, ich fürchte, dass ich nicht gerade von Dingen erzähle, die Millionen begeistern. Zurzeit lebe ich, vielleicht auch deshalb, von der Hand in den Mund.

Ich sehe das Schreiben als Taxi durchs Leben, als absolut aufregende Reise. Dieses Pubertätspathos habe ich mir bewahrt. Klar gibt es immer Rechtfertigungsdruck, auch oder vielleicht gerade den Eltern gegenüber. Meine Mutter sieht mich wohl mit einer Mischung aus Stolz und Sorge. Aber wahrscheinlich machen sich alle Eltern immer Sorgen.

Manchmal fragen mich Leute, ob ich gern "nur vom Schreiben" leben wollte. Nein, ich möchte beides machen. Mein größter Wunsch ist, nicht vom Schreiben, sondern mit dem Schreiben zu leben. (Aufgezeichnet von Maike Schiller)

 

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