Mann im Hintergrund
Künstler, die am Anfang stehen, nehmen vieles auf sich, um ihren Lebenswunsch zu verwirklichen. Das Abendblatt stellt in dieser Serie junge Menschen vor, die sich für die Kunst entschieden haben. Oft gegen den Rat von Eltern oder Freunden. Sie erzählen von ihren Ängsten und Zweifeln, von ihren Erfolgen und Sehnsüchten. In der vierten Folge berichtet Tommy, wie er als Bassist in Rockbands begann und nach einer Krise zum Songwriter wurde, der für andere schreibt und auch produziert
Er hat einfach so dagesessen. Hat gesungen, in seinem schönen Tenor. Ich erinnere mich nicht mehr an das Lied. Es erheiterte ihn so sehr, dass er lachen musste und die Worte verschluckte. Aus voller Kehle sang er, und dann kamen Tränen. So hatte ich meinen Großvater noch nie weinen sehen.
Das ist vier Jahre her. Davor war ich Thorsten Peters, Groß- und Einzelhandelskaufmann. Danach war ich Tommy. Und der war, seit seinem Großvater die Vergangenheit als Kriegsversehrter die Kehle aufstieg und sich in Gesang verwandelte, nicht mehr der, der er vorher war: ein Toilettenverkäufer für Heizungsbauer. Ich habe meinen Job geschmissen und begonnen, Musik zu machen. Zuerst in Bands und ganz unbefangen. Es hatte eigentlich keinen richtigen Grund, warum ich mich dann für das Instrument Bass entschied. Niemand wollte ihn in unserem Rock-Trio spielen, glaube ich. Und dann habe ich geübt wie ein Berserker. Habe mir Videos und Bücher gekauft zur Harmonielehre, stundenlang in meinem Zimmer geübt. In dem holprigen und unbeholfenen Geschrammel meiner Rockband im stickigen Übungskeller lag der Sinn. Auch für alles, was dann folgte. Ich habe nach zwei Jahren die ersten Livejobs bekommen. War Bassist von "Cucumber Man", wo ich das erste Mal mit einer bekannten Rockband getourt bin. Die Bands Blackpool, Kid Alex, Scuba Diver waren weitere Schritte.
Es gab viele Höhepunkte, das Gefühl, es geschafft zu haben, sich aus den Zwängen, etwas Vernünftiges zu tun, gelöst zu haben. Mit jedem Basslauf mehr. Geld für Touren zu bekommen, auch Fans zu haben, das war verwirrend und ein ständiges, treibendes Hochgefühl.
Etwa im Turnus von drei Monaten flaute dieses Gefühl ab. Dann, als langsam das Geld ausging und immer klarer wurde, dass nichts mehr geht, war es schließlich ganz weg. Manchmal dachte ich, der Zenit meiner Karriere sei jetzt erreicht, und es tat umso mehr weh, wenn ich dann wieder unten aufprallte: in den 40 Quadratmetern Wohngemeinschaft, in der ich toller Musiker lebte. Auftragslos zwischen feuchten Wänden, jeden Tag Miracoli und ohne Strategie - Künstlersozialkasse und Vermieter schickten regelmäßig saftige Rechnungen.
"Warum bin ich nicht Bäcker geworden?", habe ich mich wütend gefragt, meinen Kontrabass genommen und ihn verkauft. In solchen Momenten sind Liebe und Hass dicht beieinander. Nächtelang saß ich an meinem Computer und habe Musik produziert. Meine eigene. Habe mich "Petone" genannt, den ganzen Frust über Zwänge, Liebe und Ängste, alles, was in mir vorgeht, in Texten heruntergeschrieben und Balladen und Popmusik daraus gemacht.
Und das war gut. Es hat Früchte getragen, die ich jetzt ernten kann. Im August 2001 habe ich mich beim Musikverlag EMI als Songwriter beworben. "Sie sind ehrlich in ihren Texten", haben die A&R-Manager (casten im Verlag die Künstler) gesagt. Ich bekam mehrere Aufträge als Songwriter. Jetzt wird es professionell, habe ich gedacht. Es gibt einen Vorschuss auf meine Arbeit. Sicherheit. Ruhe. Endlich.
Doch ich bin mit meinen eigenen Songs nicht groß herausgekommen. Das ist okay. Die Vorstellung, bei Viva auf dem Sofa zu sitzen und spontan zur Gitarre ein Lied zu trällern, erschreckt mich ohnehin. Ich bin ein ruhiger Geselle. Vielleicht nicht so passend für ein extrovertiertes Business wie Popmusik, aber ich habe meinen Platz gefunden, als Mann im Hintergrund. Als Produzent und Autor für Acts wie Jasmin Wagner und Nina MC.
Heute mehren sich die Aufträge. Es sind kleine, aber ich muss mir keine großen finanziellen Sorgen mehr machen. Das ist ein komisches Gefühl. Ein sehr gutes, würde mein Großvater sagen.
Aufgezeichnet von Andin Tegen



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