Sonntag, 27. Mai 2012, 08:51

Abendblatt als Startseite | Aboservice | E-Paper

www.abendblatt.de

  • E-Mail
  • Singles
  • Branchenbuch
  • Jobs Hamburg
  • Immobilien Hamburg
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Rechner
  • Ticket kaufen

Kultur & Live

Er suchte die Wahrheit - und fand den Tod

Mord in Moskau: Wer alles hatte ein Motiv, den "Forbes"-Chefredakteur Klebnikov zu erschießen? Und: Wer war Klebnikov selber? Eine Spurensuche

Moskau. Sein Leben war die Suche nach der Wahrheit. Und sie war womöglich auch sein Tod. Aber die Wahrheit über seine Mörder - wird man sie jemals finden?

Zwei Wochen nachdem Unbekannte den Chefredakteur des russischen Magazins "Forbes", Paul Klebnikov (41), auf einer Straße in Moskau erschossen, tappen die Ermittler noch im Dunkeln. Auftragsmorde sind Alltag in Russland, und selten werden sie aufgeklärt. Wer tötete Klebnikov, und warum? Wer sind die Hintermänner? Und: Wer war Klebnikov selber?

1963: Im Hause Klebnikov in New York erblickt nach den Brüdern Peter und Michael der jüngste Sohn Paul das Licht der Welt. Ihr Vater Juri entstammt einer weißrussischen Emigrantenfamilie und ist ein hoch angesehener Dolmetscher bei den Vereinten Nationen. Großvater Sergej, der sich noch Chlebnikow schrieb, war Ulanenoffizier und hatte im russischen Bürgerkrieg gekämpft. Nach der Niederlage wanderte er 1921 nach Amerika aus. Ihre Wurzeln vergaß die Familie nie, die Jungen wurden mit der russischen Sprache und im russisch-orthodoxen Glauben aufgezogen.

1989: Für Paul, der in Berkley (Kalifornien) und an der London School of Economy studiert hat, erfüllt sich ein Traum: Er wird Redakteur beim weltweit angesehenen Wirtschaftsmagazin "Forbes". Mit analytischen Artikeln über Weltkonzerne wie Daimler-Benz, Volkswagen oder Renault macht er sich rasch einen Namen, verliert aber seine stille Leidenschaft nie aus den Augen: Russland.

Anfang der 90er-Jahre: Die Sowjetunion bricht zusammen, Chaos regiert das Land, Glücksritter reißen sich praktisch über Nacht ganze Wirtschaftsimperien unter den Nagel. Paul Klebnikov ist beobachtend dabei. Immer wieder reist er ins Land seiner Väter und interviewt die neuen Macher im ehemaligen Sowjetreich.

"Seine Informationen waren immer aktuell, gehaltvoll, faszinierend", bescheinigte ihm Steve Forbes, Präsident von Forbes Inc. "Mit ihm konnte man konstruktiv streiten", wird Michail Chodorkowski, damals noch aufstrebender Stern unter Russlands russischen Wirtschaftsbossen, später in seinem Nachruf schreiben.

1996: Klebnikov legt sich mit einem der mächtigsten Männer des Landes an, mit Boris Beresowski. In einem Artikel, den er "Der Pate des Kremls" überschreibt, schildert er den Finanzmogul und Sekretär des russischen Sicherheitsrates als einen Mann, "der eine Spur aus Leichen, nicht zurückgezahlten Schulden und um ihr Leben fürchtenden Konkurrenten hinter sich lässt".

1997: Beresowski zieht Klebnikov vor Gericht und erzwingt nach langem Rechtsstreit einen Vergleich. "Der Artikel ist voller Lügen und hat nichts gemein mit meinem tatsächlichen Leben", beschwert er sich und fügt hinzu, Klebnikov habe aber "keinen Grund, um sein Leben zu fürchten". Eine versteckte Drohung?

Frühjahr 2000: Klebnikov legt nach und veröffentlicht ein Buch mit dem Titel "Der Pate des Kremls und die Macht der Oligarchen". Beresowski erscheint darin als Drahtzieher finsterer Machenschaften, einschließlich der verdeckten Kollaboration mit tschetschenischen Rebellen.

Sommer 2000: Klebnikov verfolgt die tschetschenische Spur weiter. An mehreren Abenden trifft er in einer luxuriösen Villa in Baku in Aserbaidschan Khozh-Akhmed Nukhaev. Der ehemalige Student der Lomonossow-Universität hat sich zu einem Boss der Tschetschenien-Mafia und zum Feldkommandeur der antirussischen Rebellen gemausert. Stundenlang plaudert Nukhaev mit Klebnikov über seinen Hass auf das Christentum, die moderne westliche Welt und rechtfertigt den Mord an Andersgläubigen. Zum Schluss hat Klebnikov mehr als 20 Stunden aufgezeichnet.

Sommer 2003: Aus dem Interview ist ein Buch geworden, das unter dem Titel "Gespräch mit einem Barbaren" erscheint. Nukhaev selbst soll von der Buchidee nichts gewusst haben und alles andere als amüsiert gewesen sein. "Ich gebe zu, dass Muslime mein Buch als Beleidigung der islamischen Welt auffassen können. Ich bin dieses Risiko bewusst eingegangen", sagt Klebnikov.

Anfang 2004: Klebnikov wird Chefredakteur der russischen Ausgabe von "Forbes", die im Verlag Axel Springer Russia erscheint. Mit Feuereifer baut er die Redaktion auf, zeigt den russischen Kollegen, was moderner Journalismus ist. "Er war für uns eine Autorität; ein Profi, der uns erklärte, wie die amerikanische Journalistik vorgeht", erinnert sich sein Stellvertreter Kirill Wischnepolski.

Mai 2004: "Forbes" Russland veröffentlicht eine Sensation. Erstmals erscheint eine Liste der 100 reichsten Russen. Das missfällt vielen, die sich darauf wiederfinden.

Klebnikov erhält Drohungen. Freunde raten ihm: "Nimm dir Bodyguards!" Klebnikov lehnt ab, spielt auch zu Hause in New York bei seiner Frau Marjorie die Gefahren herunter: "Keine Sorge, es ist nichts."

Zeitungen berichteten dagegen, dass unter anderen die Frau des Moskauer Bürgermeisters, Jelena Baturina, zutiefst verärgert ist, weil sie erstmals als reichste Frau Russlands öffentlich genannt wird. Mit geschätzten 1,1 Milliarden US-Dollar rangiert sie auf Platz 35 der Liste.

Freitag, 9. Juli 2004. Paul Klebnikov verlässt gegen 22 Uhr die Redaktion in der Dokukinstraße 16. Nur wenige Tage zuvor ist das vierte "Forbes"-Heft erschienen. Die Titelstory: "Rettet den Markt! Kartelle und Monopole erwürgen die Wirtschaft". Wie immer geht er zu Fuß zur Metro-Station "Botanischer Garten". Er überquert die Straße, ein Lada mit getönten Scheiben rollt heran. Urplötzlich werden aus dem Auto Schüsse abgefeuert. Paul bricht zusammen, von elf Kugeln getroffen.

"Forbes"-Herausgeber Leonid Berschidski versichert später, Klebnikov habe sich seit Februar nicht mehr mit journalistischen Recherchen beschäftigt, "er hat an keinen empfindlichen Stellen gegraben".

Der Russland-Korrespondent der "Sunday Times", Mark Franchetti, dagegen äußert, Klebnikov habe in letzter Zeit sehr wohl an einer Story gearbeitet: über das Verhältnis zwischen ausländischen und russischen Managern des Erdölkonzerns TNK-BP.

Ein Mitarbeiter der Moskauer Kriminalpolizei, der anonym bleiben will, verweist indes auf die Liste der Superreichen: "Klebnikov hat sie zusammengestellt und publiziert. Ich würde mit den darauf befindlichen Gentlemen beginnen."

Igor Jakowenko, der Generalsekretär des russischen Journalistenverbandes, vergleicht die Tätigkeit Klebnikovs mit dem "Wandern auf einem Minenfeld". Das russische Geschäftsleben sei eine "außerordentlich dunkle Sphäre, dort das Licht einzuschalten, ist gefährlich".

 

Artikel versenden

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus