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Kultur & Live

Prominente Köpfe im Kloster

Sommerausflug: Im Kloster Cismar sind Werke des Bildhauers Manfred Sihle- Wissel zu sehen - und ein kostbarer gotischer Schnitz-altar als Zeugnis einer langen Geschichte.

Cismar. Das Kloster liegt jenseits der Straße, die nach Grömitz führt. Meist ist es still hier und ziemlich abgeschieden. Zwischen dem satten Grün alter Bäume leuchten die rötlichen Backsteinmauern des geschichtsträchtigen Gebäudes, das freilich längst nicht mehr als Kloster, sondern als Museum dient. Im ersten Stockwerk sind Köpfe zu sehen, Porträtbüsten mit hohem Wiedererkennungswert. Dicht nebeneinander erkennt man die Maler Johannes Grützke und Klaus Fußmann, die Dichterin Sarah Kirsch und ihren Kollegen Günter Kunert, Altbundeskanzler Helmut Schmidt, Hamburgs frühere Kultursenatorin und heutige Kulturstaatsministerin Christina Weiss und viele andere.

"Warum nicht, mein Kopf wird schon dazu passen", sagt der Bildhauer Manfred Sihle-Wissel, der sich von der Fotografin nicht lange bitten lässt und schmunzelnd mitten hineingeht in die Versammlung prominenter Köpfe. Es sind Bronzegüsse oder Plastiken, die aus Gips geformt oder aus Holz gearbeitet wurden. "Der eine sieht in diese Richtung, der andere ganz woanders hin, wie im richtigen Leben", meint Sihle-Wissel, für den Porträts wie Mehrfachbelichtungen sind. Sie sind die Verdichtung verschiedener Eindrücke zu einer dreidimensionalen Persönlichkeitsstudie, die manchmal sogar Charakteristisches sichtbar machen kann, das dem Porträtierten selbst gar nicht bewusst ist. "Mitunter ist das eine Gratwanderung", meint der Bildhauer nachdenklich und spricht von Respekt, der ihm wichtig ist. Respekt vor dem Modell, aber auch Respekt vor dem Ort, wo er seine Kunst zeigen kann.

Diesmal ist es Kloster Cismar, wo das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum dem Bildhauer anlässlich seines 70. Geburtstags eine Schau ausrichtet. Hier sind nicht nur 40 Exemplare seiner "Köpfe" zu sehen, sondern auch Arbeiten auf Papier - Aquarelle und Collagen, die vielfach auf Reisen entstanden sind - und abstrakte Skulpturen. Letztere wurden unter gotischen Gewölben im 2. Obergeschoss ausgestellt, und wer dort zum Fenster hinausblickt, kann auch noch jene 13 Bronzeplastiken sehen, die Sihle-Wissel selbst im Innenhof des Klosters plaziert hat.

"Ausgangspunkt auch für meine ungegenständlichen Arbeiten ist immer ein Gefühl für den Körper, für das ,In der Welt stehen'", sagt Sihle-Wissel, für den Kloster Cismar ein idealer Ausstellungsort ist. Ein paar Besucher laufen über den Klosterhof, in dessen Mitte eine alte Buche aufragt. Einige halten inne, betrachten Sihle-Wissels Bronzen, die hier so selbstverständlich anmuten, als ob sie für immer hier stehen würden, hierher gehörten.

"Dass hier einst ein mittelalterliches Kloster entstanden ist, lag am allzu diesseitigen Lebenswandel der Lübecker Benediktiner", erzählt Sihle-Wissel, der die Geschichte des Ortes gut kennt. Von Askese konnte keine Rede sein, außerdem gab es immer wieder Ärger mit der Bürgerschaft, bis dem zuständigen Erzbischof in Bremen der Kragen platzte und er die Mönche 1231 in die Einöde von Cicimertetorpe verbannte. Das war - wie sich später herausstellte - eine hervorragende Idee, denn hier gab es weniger Anfechtungen, dafür aber jede Menge zu tun: Die Benediktiner bauten sich nicht nur ein neues Kloster mit Kirche und Konvent, sondern rodeten auch das Land und machten es urbar. Schon 1325 gehörten 25 Dörfer und sieben Mühlen zum Besitz des Klosters, dessen Reichtum auch durch Schenkungen und Stiftungen immer größer wurde. Und die Mönche investierten mit viel Geschick in jene Objekte, die im Mittelalter die größte Rendite versprachen: Reliquien. Auf insgesamt 809 Teile - darunter so erlesene Stücke wie Dornen von der Krone Christi und Teile der Gebeine Abrahams - brachten es die ebenso frommen wie geschäftstüchtigen Mönche, die sich bald vor Pilgern kaum noch retten konnten.

Mit der Reformation war das alles vorbei, die Reliquien hatten einen desaströsen Wertverlust hinter sich, die Pilger blieben aus, und nach der Auflösung des Klosters mussten sich die Benediktiner nach anderen Erwerbsquellen umsehen. Von der Klosteranlage blieb aber zumindest die Kirche St. Maria und St. Johannis erhalten, der bedeutendste gotische Kirchenbau Schleswig-Holsteins außerhalb von Lübeck. Während das Laienschiff im späten 18. Jahrhundert zum Wohnsitz des Amtmannes umgebaut wurde - und heute als Ausstellungszentrum genutzt wird - , blieb der Chor weitgehend original erhalten. Hinter einer Glasabtrennung ist der Raum, der heute als evangelische Kirche genutzt wird, gut zu erkennen.

Es lohnt aber, sich führen zu lassen (zu erfragen im Haus der Natur, Tel. 04366/1288, tgl. ab 9 Uhr), denn dann kann man nicht nur erstaunliche Dinge aus der bewegten Geschichte des Klosters erfahren, sondern auch das Kostbarste, was Cismar besetzt, aus der Nähe betrachten. Es ist der Reliquienschreinaltar, ein prächtiger Flügelaltar mit geschnitzten Figuren, die Geschichten aus dem Alten Testament, von der Passion Jesu und aus dem Leben des heiligen Benedikt erzählen. Der Altar, der zu den bedeutendsten Werken des frühen 14. Jahrhunderts gehört, diente früher auch der Aufbewahrung und Zurschaustellung der berühmten Cismarer Reliquien. In diesem Sommer bildet er ein reizvolles Gegenstück zu den Porträtköpfen und Bronzeplastiken des Bildhauers Manfred Sihle-Wissel.

  • Stiftung Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum Schloss Gottorf, Dependance Kloster Cismar, bis 17. Oktober, di-so 10-17 Uhr geöffnet.

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