Marlon Brando - ein Vulkan ist erloschen
Der ewige Rebell starb im Alter von 80 Jahren. Viele schwören, einen Schauspieler wie ihn nie zuvor und nie danach erlebt zu haben
Hamburg. Er war maßlos. Er schwitzte und nuschelte, drehte dem Publikum den Rücken zu. Alles, um auf seine Stimme, seinen Körper aufmerksam zu machen. Doch der stand sowieso im Mittelpunkt, seit man ihn zum ersten Mal als 24-Jährigen in hautengen Jeans und verschwitztem T-Shirt auf der Bühne gesehen hatte, einem Hemd, das von da an die Modewelt eroberte. Bis heute, fast 60 Jahre später, sind die Modefotografie, der Sport und auch das Bild männlicher Filmhelden von Marlon Brandos jugendlichem Rebellentum, seiner Energie geprägt. Jeder wollte so sein wie er. Nur Brando selbst irgendwann nicht mehr. Er gab den verkannten Sensiblen, manchmal auch den Spinner. Sein Ruhm wurde für ihn unerträglich. Er wurde zum Inbegriff des begabten Kindes, das faul wird, weil es so sehr bewundert wird.
Ins sterile Nachkriegsamerika, wo Tugenden wie Häuslichkeit wieder angesagt waren, kam er wie ein Orkan von Wildheit, Spontaneität und Verdorbenheit. Vielleicht lag darin auch ein Stück der Tragik seines Schauspielerlebens: Er eroberte als männliches Sex-Objekt die Bühne und die Leinwand, obwohl es sein unbändiges Können war, das überwältigte. Er war zweifellos der begabteste Schauspieler seiner Generation. Einer, der die Abgründe und Feinheiten einer Figur roch wie ein Tier, das jagt. Schließlich wurde auch das Animalische sein Markenzeichen.
Doch sein ganzes Genie zeigte er nur in wenigen Jahren seines Darstellerlebens: als ganz junger Mann, als er sich mit Filmen wie "Endstation Sehnsucht", "Die Faust im Nacken" oder "Der Besessene" in die erste Liga der Hollywoodstars spielte. Und als älterer Mann - der mit 50 nicht alt war, den Alten aber grandios spielte und der damals schon der bestbezahlte Schauspieler der Welt war, als er mit "Der Pate", "Apocalypse Now" oder "Der letzte Tango in Paris" noch einmal all sein Können vorführte. Zwischendrin hat Brando viele schlechte Filme gemacht, ob sie nun "Viva Zapata", "Das kleine Teehaus" oder "Candy" heißen.
Er sah brutal aus, brutal körperlich, brutal männlich. Er war das Tier, der Fluch, der über die Frauen kam, und dem doch jede, im Publikum wie als Bühnen- oder Filmpartnerin, gern verfallen wäre. "In der Gegenwart von Frauen fühlte er sich wie ein Tier", schrieb ein Kritiker. "Er nahm sich die Frauen oder besser, er riss sie wie ein Löwe." Er schaffte eine Intensität, die die Leinwand scheinbar zum Platzen und das Publikum zum Fiebern brachte. Mit jeder seiner Gesten, jedem seiner Blicke agierte er bis zur Schmerzgrenze.
Nachdem Marlon Brando 1947 den Broadway geentert hatte, mit seiner Darstellung des Stanley Kowalski in "Endstation Sehnsucht", war nichts mehr wie vorher. Vor allem nicht die Schauspielerei.
Brando hatte eine Bühnenpräsenz, wie sie bei Schauspielern wohl nur einmal im Jahrhundert vorkommt. Er konnte improvisieren, Pausen einlegen, endlos auf Wörtern herumkauen. Er lernte seine Texte nicht und wusste doch alles. Er hatte zärtliche Gesten für brutale Momente, baute in jede Rolle eigene Ideen ein. Er hielt sich nie an Absprachen, brachte seine Regisseure und Partner damit zur Verzweiflung. Er machte, was er wollte, und war dabei immer grandios. Er war die Verkörperung des "method acting", jener modernen Form des Spielens, bei der der Schauspieler sein affektives Gedächtnis für Gedanken und Gefühle mobilisieren soll. Alles wirkte so "echt" wie eben geschehen. Doch nachdem er im Actor's Studio das method acting gelernt hatte, sagte seine Lehrerin Elaine Stitch: "Er wusste alles schon. Es war, als ob sie einen Tiger in die Dschungelschule schicken."
Hildegard Knef, die zur selben Zeit wie Brando nebenan am Broadway "Silk Stockings" spielte, hat einmal gesagt, dass sie sich in jeder freien Minute dorthin geschlichen hat, wo Brando auftrat, dass sie wie im Rausch, wie im Nebel einfach nicht mehr aufhören konnte, ihm zuzusehen, ihn zu beobachten. So schwört fast jeder, der ihn einmal auf der Bühne gesehen hat, so etwas nie zuvor und nie danach erlebt zu haben. Aber Brando sollte, nach acht Jahren am Broadway, nie wieder auf einer Bühne stehen. Der Filmruhm und das viele Geld, das er dort verdienen konnte, verdarben ihn für das Theater. Doch ein Filmstar wollte er auch nicht sein. Auf Partys stand er, meist schlecht gekleidet, in der Ecke, unterhielt sich wenig und ging zeitig. Ganze Bücher beschäftigen sich mit seinen Eskapaden. Er überzog Drehtermine, ließ Szenen, bei denen er sich nicht in Form fühlte, Dutzende Male drehen, bis sein Gegenüber ermüdete und Fehler machte. Dann lief er zu Hochform auf, sein Partner sah schlecht aus. Er rief: "Schluss, die Szene nehmen wir!" - und verschwand. Brando war nicht die erste, aber sicher eine der größten männlichen Diven.
Die wirkliche Tragik lag für Brando auch darin, dass man ihm privat all das andichtete, was man ihm als Filmhelden abgeschaut hatte: Gier und Maßlosigkeit - unzählige Affären werden ihm nachgesagt, unklar ist, ob er neun oder elf Kinder hat, und wie fett er als alter Mann war, konnte man immer wieder in den Klatschspalten sehen. Irgendwann lebte er wirklich so störrisch und gebrochen, wie man es von seinen Filmhelden erwartete. Unangepasst, nicht zu bändigen, herrschsüchtig.
Bezahlt hat Brando selbst wohl am meisten für sein Talent. Er lebte schlaflos und gelegentlich außerhalb der Gesellschaft. Mal trank er zu viel, mal aß er zu viel. Drei Ehen und zahllose Prozesse hat er hinter sich. Am Ende soll ihm sogar sein Geld ausgegangen sein. Doch auf seinen Tod und seine Beerdigung soll Brando sich akribisch vorbereitet haben. Freunde berichten, er habe seine Anweisungen auf Dutzende Tonbänder diktiert, auf denen festgehalten ist, wer nicht eingeladen werden darf.



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