Er zählt ganz ohne Zweifel zu den wichtigsten Feiertagen im Jahr: der Vatertag. Doch hat der Brauch, den Vater zu ehren und seinen Leistungen Respekt zu zollen, viel von seiner ursprünglichen Bedeutung eingebüßt.
Noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war es üblich, dass der Vater an seinem Ehrentag ganz in Ruhe ausschlafen durfte, bevor Frau und Kind ihm gegen Mittag ein reichhaltiges Frühstück servierten. Danach wurden Lieder gesungen, Gedichte aufgesagt und selbst gemalte Bilder überreicht, um sich alsbald zurückzuziehen und den Patriarchen noch ein paar weitere Stunden ruhen zu lassen. Gegen Nachmittag trat dann die Frau ins Schlafzimmer, führte neue Wäsche vor und legte sich alsbald zu ihrem Mann, um ihm in der Folge liebevolle Worte zuzuraunen. Am frühen Abend wurde der Vater dann mit einem Lorbeerkranz geschmückt, in einen Bollerwagen gesetzt und von der Familie durch den Ort gezogen, und wer die meisten Kinder gezeugt hatte, erhielt auf dem Marktplatz vom Bürgermeister einen Preis überreicht; anfänglich war das ein schönes Stück geräucherten Hinterschinkens oder - etwa zu Beginn der 60er-Jahre - eine Schachtel Overstolz.
Was ist davon geblieben? Nun, im Grunde genommen nur der Bollerwagen. Er wird bereits im Morgengrauen mit einer Kiste Bier und einer Flasche Schnaps bestückt; die Männer, von denen die besonderes lustigen Exemplare ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Alles Schlampen - außer Mutti" tragen, überprüfen die Klingeln an ihren Spazierstöcken, und schon gehts los, auf in die freie Natur. Sobald das erste Stück Wiese erreicht ist, bilden die Männer einen Ehrenkreis, in dessen Zentrum Bier und Schnaps stehen, und in einem Ritual, dessen Ablauf sich nur Eingeweihten erschließt, werden alle Flaschen bis auf den Grund geleert. Nach einigen derben Witzen, die ausschließlich mit "Was ist der Unterschied zwischen . . .?", eingeleitet werden und verzweifelte Heiterkeit auslösen, erfolgt alsbald der Aufbruch in Richtung Heimat. Der Weg dorthin erweist sich in der Regel als sehr schwierig, denn zahlreiche Wirtshäuser zwingen zur Einkehr und zur Einnahme weiterer belebender Getränke. Jetzt entfaltet der Bollerwagen seinen wahren Nutzwert: Der schwächste Mann wird hineingelegt und von den Kameraden heimwärts gezogen. Oder man schreibt ihm - wenn niemand mehr den Wagen ziehen mag - mit dem Filzstift seine Adresse auf die Stirn und parkt ihn deutlich sichtbar am Straßenrand.
Ach so, am Ende noch ein Hinweis für allein erziehende Mütter: Wer ihn findet, darf ihn behalten.











