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Kultur & Live

Blues zündet immer noch

Wim Wenders über seinen Film, der in den Hamburger Kinos Abaton und Zeise morgen startet .

ABENDBLATT: Mit dem "Buena Vista Social Club" haben Sie eine Welle ausgelöst, mit "Viel passiert" konnten Sie BAP nicht wirklich helfen. Und jetzt "The Soul Of A Man": Wie kann man ein junges Publikum mit so einem Blues-Film erreichen?

WIM WENDERS: Die hören natürlich keinen Blues, sondern HipHop, Punk und Rap und was weiß ich alles. Aber es ist schon gut zu wissen, woher die Musik kommt. Ich glaube, dass der Blues das falsche Image hat. Man meint, er sei die Musik von alten Männern. Als die drei aus meinem Film ihre Musik geschrieben haben, waren sie alle junge Spunde. Blues hat so eine existenzielle Kraft, Notwendigkeit und Dringlichkeit, dass er auch heute noch zündet.

ABENDBLATT: Die Idee zu der Filmreihe kam von Martin Scorsese. Waren Sie mit ihm gleich auf einer Wellenlänge?

WENDERS: Ich wusste, dass Marty ein alter Blues-Fan war, und er wusste das auch von mir. Wir kennen uns, seit er "The Last Waltz" (ein Film über das Abschiedskonzert von The Band aus dem Jahr 1978, d. Red.) geschnitten hat. Er hat keinem der anderen sechs Regisseure etwas nahe gelegt. Jeder hat sich sein Territorium in der Blues-Geschichte selbst ausgesucht.

ABENDBLATT: Was haben Sie durch den Film über den Blues gelernt?

WENDERS: Ich wusste von meinen drei Helden wenig, kannte nur ihre Musik. Durch den Film bin ich viel in Mississippi und Chicago herumgekommen, habe aber auch eine Menge über Blues-Feeling und Gitarrentechnik gelernt. Allein schon rauszubekommmen, wie die Leute tatsächlich gelebt haben, war die Sache wert.

ABENDBLATT: Bei Ihrer Antrittsvorlesung an der Hochschule für bildende Künste haben Sie heftig für die Digitaltechnik und eine neue Art des Erzählens plädiert. Bei diesem Film haben Sie zum Teil mit Handkurbelkamera gearbeitet. Wie passt das zusammen?

WENDERS: Die Hälfte des Films ist digital auf DV gedreht. Die Passagen mit der Handkurbelkamera hätte ich auch nicht ohne digitale Technik drehen können. Es ist eine Mischung aus ältester Filmtechnik und allerneuester.

ABENDBLATT: Wie kommt denn das neue filmische Erzählen voran?

WENDERS: Ich habe den Spielfilm "Land of Plenty" auf einer kleinen, aber feinen Kamera gedreht, der im Herbst herauskommt und vorher in Venedig gezeigt wird. Die Bilder haben wir ins große Cinemascope-Format aufgeblasen, das sieht irre aus.

ABENDBLATT: Der Inhalt klingt für Ihre Verhältnisse ungewohnt politisch. Warum jetzt so ein Film?

WENDERS: Ich lebe ja in den USA. Für einen Europäer ist es in den vergangenen Jahren manchmal unerfreulich gewesen, dort zu sein. Dieser Hauruck-Patriotismus, der von George W. Bush unheimlich angefacht worden ist, tut schon sehr weh. Er geht einher mit einer völligen Desinformation der Bevölkerung, von der die Mehrheit immer noch glaubt, die Amerikaner hätten den Irak wegen des 11. September angegriffen. Die Amerikaner werden von dieser Regierung dermaßen nach Strich und Faden belogen, dass mich das gewurmt hat. Es gibt da so eine Art von Paranoia, eine Wiederkehr des McCarthyismus - das hat mich bedrückt. Und ich mag das Land ja gerne. Es ist als Europäer auch mal wichtig zu erzählen, wie man das sieht. Es ist mit Abstand der politischste Film, den ich gemacht habe.

ABENDBLATT: Sie sind nicht nur Filmemacher, sondern auch Lehrer an der HfbK. Hat Hamburg alles, um moderne digitale Filme hier drehen zu können?

WENDERS: Von den Studenten her auf jeden Fall. Das Umfeld ist nicht so ganz leicht. Die Zusammenarbeit mit der Hamburg Media School kommt etwas schwer in die Gänge.

Interview: VOLKER BEHRENS

 

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