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Kultur & Live

Die Klatsche des Autors

Zeitzeuge: Autor Walter Kempowski wird morgen 75 Jahre alt.

Nartum. Walter Kempowski steht auf, um die Fliegenklatsche zu holen. Drei bis vier Insekten stören ihn bei Gespräch und Nachmittagstee. Er geht leichtfüßig in benoppten Hüttensocken in den hinteren Bereich seines weiten Wohn- und Seminarraums. Vorbei am Steinway-Flügel, den Spiegeln, der gut 30 Meter langen Fensterfront und den Bücherregalen. Der Schriftsteller kommt zurück, die Klatsche in der Hand: "Das wird dieses Jahr kollabieren."

Kempowski meint nicht eine bevorstehende Insektenplage, sondern die Feier zu seinem 75. Geburtstag. Den will der Autor der Jahrhundert-Collage "Echolot" in Rostock feiern - seiner Geburtsstadt. Mit allem Tamtam. Zuerst wird er seinen Gästen etwas vorlesen, vielleicht aus "Alkor", seinem veröffentlichten Tagebuch von 1989. Damals, im Jahr des Mauerfalls, feierte er seinen 60. in Lübeck. Noch vor dem Rathausempfang fuhr er an jenem 29. April mit einem TV-Team an die deutsch-deutsche Grenze nahe der Hansestadt. Sie filmten ihn, wie er sich über den Bach beugte, über den er 1947 in den Westen gesprungen ist.

Heute wohnt der Flüchtling in Nartum bei Bremen: "Wo wollen Se hin, zum Kempowski? Die Straße zurück, nicht in die Siedlung, sondern weiter raus, ganz hinten, vorm Wald dann rechts." Versteckt liegt Haus Kreienhoop am Rande des Ortes. Neben grasenden Kühen und frei laufenden Hühnern. Daher das Fliegenproblem im Haus. Die Klatsche schnellt auf den Tisch. Daneben.

Auf der Geburtstagsfeier in Rostock wird ihm auch die Ehrendoktorwürde der University of Pennsylvania verliehen. Bereits seine zweite. Kempowski macht sich Sorgen: "Wann habe ich denn dann noch genug Zeit mich umzuziehen?" Er hat eine leise, fast schwache Stimme. Er zeigt sein aktuelles Tagebuch, ein grünes, Nummer 135. Die Seiten sind mit einer engen, flüchtigen Schrift versehen. Ein Eintrag der letzten Woche: "540 Euro, das ist doch gar nichts, wenn man bedenkt, wie viele Interviews ich gegeben habe." Kempowskis Verlag habe sich beschwert, dass das Büfett für den Rostocker Empfang so teuer sei. Etwas weiter unten schreibt er: "Ich habe mich so aufgeregt, dass ich am liebsten alles hingeschmissen hätte." Er schlägt noch mal zu, wieder ist die Fliege schneller.

Und dann passiert es. Kempowski überschreitet wieder Grenzen. Er holt aus, mit voller Wucht landet die Klatsche auf dem Oberarm der angereisten Journalistin. Der Autor sieht in das schmerzverzerrte Gesicht, er grinst und sagt: "Bei Fliegen gibt es kein Pardon!" Das Tier zappelt noch auf dem runden Perserteppich. Kempowski beendet den Todeskampf. In vier Schlägen hat er das Insekt erledigt. Draußen läuft ein Huhn vorbei.

Im März 1948 zog es ihn zurück nach Rostock, er wollte ein paar Tage bleiben. Daraus wurden acht Jahre - im Zuchthaus Bautzen. Die Stasi hatte ihn festgenommen und wegen Spionage verurteilt. "Darauf bezieht sich alles, das ist wie der schwarze Punkt auf der Schießscheibe." Nach der Freilassung 1956 machte er Abitur, studierte und wurde Lehrer. 1969 folgte mit "Im Block", einem Bericht über die Haft in Bautzen, sein literarisches Debüt. Ins Haus Kreienhoop zog er 1972 mit Frau Hildegard und seinen zwei Kindern.

Das quadratische Haus mit Turmzimmer, Bridgezimmer für Frau Kempowski, Fernsehraum und Innenhof ist wie ein Kloster aufgebaut, man geht im Rund. Von der Diele aus liegt rechts ein neuer Anbau - das Archiv. Kempowskis Heiligtum. In den 80ern begann er Tagebücher und Fotos zu sammeln. Er schlägt ein Fotoalbum auf. Schwarz-Weiß-Fotos eines Offiziers in Uniform. Mit seiner Familie, vor seinem Haus. Am Kopf der Seite steht handgeschrieben: "25. April 1942, Letzter Urlaub." Er kam vom Kriegseinsatz nicht zurück.

Täglich kommen neue Tagebücher, etwa 7000 stehen in den Regalen. Akribisch mit Zetteln und Nummern versehen. Der Autor sagt, er habe was nachzuholen, für die lange Zeit des Nichtstuns in Bautzen. "Ich sehe nicht ein, dass Menschen ihr Leben beschreiben und das dann weggeschmissen wird." Feste Mitarbeiter hat er keine mehr, zu teuer. Die Kosten für das Archiv trägt er selbst. Der vierte und letzte Teil seines kollektiven Erinnerungsbuches "Echolot" ist fertig und soll im nächsten Frühjahr erscheinen. Im Moment schreibt er an einem neuen Roman.

"Und wenn ich sterbe, wird das Haus so bleiben, wie es ist", sagt Kempowski. Dann könne sich auch ein anderer mit den Fliegen rumärgern.

 

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