Worte sind zu schwach für dieses Thema
Erinnerung: Marceline Loridan-Ivens hat das KZ überlebt. In ihrem Spielfilm "Birkenau und Rosenfeld" erzählt sie ihre Leidensgeschichte.
Hamburg. Die französische Dokumentarfilmerin Marceline Loridan-Ivens wurde 1943 als 14-Jährige mit ihrem Vater ins Konzentrationslager Birkenau deportiert. Er starb dort, sie hat überlebt. Marceline, Ehefrau des berühmten holländischen Dokumentarfilmers Joris Ivens, der 1989 gestorben ist, drehte eine Reihe von Dokumentationen, darunter den preisgekrönten Film "Une Histoire de Vent". In ihrem ersten Spielfilm "Birkenau und Rosenfeld", der in dieser Woche in Deutschland anläuft, erzählt sie ihre Geschichte. Die Hauptfigur Myriam, gespielt von Anouk Aimee, reist nach 60 Jahren an den Ort des Schreckens und begegnet ihren Erinnerungen.
ABENDBLATT: Ursprünglich sollte Jeanne Moreau die Rolle der Myriam übernehmen. Warum kam es nicht dazu?
MARCELINE LORIDAN-IVENS: Es ist keine Rolle für sie. Anouk Aimee musste es machen. Sie hat die Zerbrechlichkeit und die Kraft. Sie ähnelt mir sogar körperlich.
ABENDBLATT: Sie haben bislang ausschließlich Dokumentarfilme gedreht. "Birkenau und Rosenfeld" ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Ihre persönliche Geschichte geht in der Filmhandlung auf. Warum haben Sie nach 60 Jahren diesen Film gedreht?
LORIDAN-IVENS: Ich hatte diesen Film seit langer Zeit geplant. Ich habe all die Jahre sehr viel mit meinem Mann gearbeitet und war zu beschäftigt. Es klingt grausam, aber ich musste allein sein. Alle Inspiration konnte nur aus mir selbst kommen. Ich wollte eine Vision der Innerlichkeit übermitteln. Der Tiefe des Leidens, die man 60 Jahre seines Lebens lernt zu tragen. Von da an wusste ich, dass ich alles als Fiktion erzählen wollte, bis auf die Erinnerungen. Der Ort mit all seinem Horror erlaubte mir nicht mehr Veränderung. Ich wollte nicht über meine eigene Erfahrung hinausgehen, aus Respekt vor den toten und lebenden Freunden.
ABENDBLATT: Es heißt, dass Sie Angst hatten, eine lächerliche Geschichte zu erzählen.
LORIDAN-IVENS: Für mich war es wichtig, eine größtmögliche Einfachheit zu bewahren. Keine Demagogie. Keine Propaganda. Nur die nackten Fakten. Die Grausamkeit. Die Stille. Das ist mein Stil.
ABENDBLATT: Haben Sie Reaktionen anderer Überlebender erhalten?
LORIDAN-IVENS: Ja. Die stärkste Reaktion kam von Simone Veil. Sie hat gesagt, ,das ist ein anderer Film. Das ist der einzige Film, der anders ist'. Alle meine Freunde haben sich wiedererkannt.
ABENDBLATT: Haben Sie Angst, dass die Welt den Schrecken vergessen wird?
LORIDAN-IVENS: Ja, das war ein Grund, diesen Film zu machen. Wir werden verschwinden. Ich wollte eine Ergänzung schaffen zu dem, was bis heute zu sehen ist.
ABENDBLATT: Sie erhielten als Erste die Erlaubnis, in Birkenau zu drehen. Noch nicht einmal Steven Spielberg ist das gelungen. Wie haben Sie das geschafft?
LORIDAN-IVENS: Die Behörden weigerten sich zuerst. Am Ende haben sie Ja gesagt. Aber ich war auch die erste Deportierte, die dort drehen wollte.
ABENDBLATT: Mit welchen Empfindungen sind Sie an den Ort zurückgekehrt?
LORIDAN-IVENS: Das war sehr schwer. Darum haben die Dreharbeiten dort begonnen. Wir mussten aus Polen, Franzosen und Deutschen ein festes Team bilden. Dieser fürchterliche Ort hat mir zwei Geschenke bereitet. Ich habe ihm die Energie, die er mir nahm, als ich 14 Jahre alt war, mit diesem Film zurückgegeben. Und ich konnte die Geschlossenheit des Teams inmitten dieses Horrors schaffen.
ABENDBLATT: Hat sich nach dem Besuch etwas für Sie verändert?
LORIDAN-IVENS: Nein. Auch Myriam kehrt so zurück, wie sie hingefahren ist. Ich hatte immer große Probleme, den Ort zu verlassen. Weil dort meine ganze Familie liegt. Ich habe dort 45 Menschen verloren. Das kann ich nicht vergessen.
ABENDBLATT: Es ist ein sehr stiller Film, der vor allem Leere vermittelt. Warum haben Sie so sparsam inszeniert?
LORIDAN-IVENS: Es gibt kein überflüssiges Wort. Für mich war wichtig, dass der Zuschauer die Arbeit mit seiner eigenen Vorstellungskraft leistet. Ich wollte die Mauer zwischen den Zurückgekehrten und der Vorstellung der anderen durchbrechen.
ABENDBLATT: Sie haben einmal gesagt, dass Sie die letzten Jahrzehnte jeden Tag an den Krieg gedacht haben. Wie lebt man damit?
LORIDAN-IVENS: Man lebt schlecht. Das hindert einen nicht daran zu lachen. Ich habe viele Filme zu dem Thema gedreht. Mein erster Film handelte vom Algerienkrieg. Später ging es um Vietnam. Das Thema wurde mir von der Geschichte auferlegt.
ABENDBLATT: Bernhard Wicki hat, angesprochen auf seine Erfahrungen im KZ Sachsenhausen, ein ganzes Tonband lang geschwiegen. Gibt es Erlebnisse, die man nicht wiedergeben kann?
LORIDAN-IVENS: Ja, weil man die anderen schützen muss. Es ist zu schrecklich. Man weiß nicht, wie man es erzählen soll. Worte sind zu schwach.



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