Adieu, himmlischer Schelm
Sir Peter Ustinov: Die Welt war seine Bühne, Europa seine Heimat. Und auch in Winterhude bog sich unter seinem Humor der Kneipentresen.
Hamburg. Er gehörte zu jenen, die man nicht vergisst. Er spielte andere und ließ andere spielen, aber am liebsten spielte er sich selbst. Und alles konnte er gleich gut. Unvergessen der Herbst 1968, als Ustinov an der Hamburgischen Staatsoper eine "Zauberflöte" inszenierte. Es war die Zeit, da Studenten die Welt verändern wollten - und Opernsänger noch Kneipen ihr Eigen nannten. Toni Blankenheim war so einer. Allabendlich nach den Proben im November 1968 tauchte das Mozart-Team "Bei Toni" am Krohnskamp in Winterhude auf. Wer Bescheid wusste, konnte dann Ustinov live erleben, wie er zu fortgeschrittener Stunde einen Mozart in einer One-Man-Show vom Fagott bis zum Rezitativ samt Cembalo imitierte, dass sich der Tresen bog. Seine spielerisch-leichte "Zauberflöte" mit Solti am Pult setzte übrigens Maßstäbe, mit denen sich bis heute berühmte Opernhäuser (meist vergeblich) vergleichen lassen müssen.
Jahre später hat er "Katja Kabanova" am Haus an der Dammtorstraße herausgebracht. Das Interview dazu war himmlisch - aber der Wahrheitsfindung hats nicht gedient. Ustinov gab eine Anekdote nach der anderen zum besten, imitierte Janaceks Klarinetten "hmmhmm-hmmhmm" mit zusammengepressten Lippen, sang irgendeinen Text auf Nonsens-Tschechisch, ahmte die Titelheldin in ihren Bewegungen nach, doch zum Stück oder gar über sich selbst sagte er so gut wie nichts. "Der Erfolg besteht manchmal in der Kunst, das für sich zu behalten, was man nicht weiß", spielte er dann herunter. Näher ließ er niemanden heran.
Dabei wusste er viel. Unvergessliche Rollen wie den zur Leier lallenden Nero in "Quo vadis" 1951 etwa kann man nicht so einfach aus dem Bauch runterjubeln, ohne sich mit der römischen Dekadenz beschäftigt oder zumindest in der Literatur "göttliches Feuer" gerochen zu haben. Hätte das Multitalent nicht mit vielerlei anderen Fähigkeiten auf sich aufmerksam gemacht, allein dieser Hollywood-Schinken hielte ihn in Erinnerung.
1960 hat er dann für einen anderen Sandalen-Film seinen ersten Oscar als bester Nebendarsteller erhalten, als Gladiatoren-Schinder in "Spartacus". Und vier Jahre drauf bekam er die Auszeichnung noch einmal, für seine Rolle in Jules Dassins' "Topkapi". Ustinov wirkte in gut 40 Filmen mit - wobei die Fachleute seine Agatha-Christie-Streifen als Hercule Poirot am ehesten nennen, wenn von ihm als Filmschauspieler die Rede ist. Der Film war nur eine Facette seiner prall gefüllten Vita. Abgesehen davon, dass er in acht Streifen als Regisseur verantwortlich zeichnete, war er auch Maler, Bühnenbildner, Theater- und Drehbuchautor, Romancier und Conferencier.
Sir Peter - wie er sich nach dem Ritterschlag durch die Queen 1990 nennen durfte - schrieb Erzählungen und Memoiren, legte Foto- und Karikatursammlungen vor und reiste als begnadeter Komiker mit Soloprogrammen um die Welt. Und inszenierte Oper, nicht nur in Hamburg, sondern auch in Moskau und Salzburg, Wien, Edinburgh oder Berlin.
Ein besonderes Programm für den "praktizierenden Europäer", wie Ustinov sich nannte, war das Kinderhilfsprogramm der UNO (Unicef), für das er sich seit fast 40 Jahren engagiert hatte und das ihm mit der Verleihung der Sonderbotschafter-Würde bald dafür dankte. Auch in dieser Rolle reiste er um die Erde und war bei den Großen der Welt zu Gast.
"Der Papst wollte mal mit mir Tennis spielen", witzelte er gerne. Den Heiligen Vater konnte er besonders gut imitieren, wovon sich viele Zuschauer bei einer NDR-Talkschau amüsiert überzeugen konnten, als der Talkgast seinen Gehstock unvermittelt zum Kreuz Petri umfunktionierte. Dass er ihn auch kannte, bewies er mit einem Dokumentarfilm, den er 1995 für den WDR machte: "Weltmacht Vatikan".
Der praktizierende Europäer war Sir Peter gleichsam in die Wiege gelegt: Er wurde in London geboren und in Schwäbisch-Gmünd getauft. Sein Vater, in Jaffa geboren, war russischer Herkunft, aber deutscher Staatsbürger. Im Ersten Weltkrieg diente er in der kaiserlichen Armee und übersiedelte nach Kriegsende nach England. Peter Ustinovs Mutter war eine französische Bühnenbildnerin und Kostümzeichnerin mit italienischen und äthiopischen Vorfahren.
Ustinov sen. war bis kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Presseattache der Deutschen Botschaft in London. Wie sein Sohn Peter vor fünf Jahren herausbekommen haben will, war der Vater jener bis dato unbekannte Spion gewesen, der im Herbst 1938 die britische Regierung über die deutschen Pläne zum Einmarsch in die Tschechoslowakei informiert hatte.
Europa lag Ustinov gleichsam im Blut. Die Beherrschung von fünf Sprachen - und das Verstehen von weiteren dreien - mag mit der Herkunft begründet sein. Eine eigentliche Heimat hat Sir Peter, der Deutschen liebster Brite, aber nie gehabt und erst in der Schweiz gefunden. In Bursins am Genfer See hatte er seit 32 Jahren mit seiner dritten Frau Helène, einer Französin, gelebt. Seit Ende Januar lag er in einer Genfer Klinik. Herzprobleme in Verbindung mit einer Diabetes führten gestern zum Tod.
In einem Aphorismus hatte er einst gespottet: "Ich bedaure, dass das Leben sehr kurz ist. Und es wäre scheußlich, wenn es viel zu lang wäre." Typisch Ustinovsches Understatement. Die Welt ist ärmer geworden ohne ihn. Scharfsinnige und gebildete Schelme gibt es kaum mehr.




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