Shicoff kam, sang und begeisterte
Hamburg. Für mikrofonverstärkte Goldeseleien in Stadien hat Neil Shicoff, der Sensibilissimus unter den Star-Tenören, noch nie etwas übrig gehabt. Aber er weiß schon auch ganz genau, wie es geht: Einmal, gleich zu Beginn, kurz die wohltrainierten Stimmbandmuskeln gezeigt und das hohe b ein Spürchen länger als unbedingt nötig gehalten ("Tosca, sei tu") - schon liegen ihm die Besucher der restlos ausverkauften Staatsoper zu Füßen.
Doch er begnügt sich eben nicht damit, sein berückendes, aus voluminöser Strahlkraft und geschmackvollem Schmelz nahezu ideal gemischtes, vom Spitzenton bis in die tiefe Mittellage leuchtendes Timbre vorzuführen, sondern begreift sich als singender "Method Actor", der seine Rolle mit Haut und Haaren auslebt. Selten nur hat man etwa das Begehren des Malers Cavaradossi für seine geliebte Floria Tosca so glaubwürdig verkörpert gesehen wie hier.
Spätestens im dritten Akt, als sich Shicoff alias Cavaradossi in seiner berühmten Arie "E lucevan le stelle" kurz vor dem Tod mit wahrhaft herzzerreißender Intensität der vergangenen Liebeslust erinnert, ist endgültig vergessen, dass diese "Tosca" schon bei ihrer Premiere anno 2000 wie der fade Aufguss einer planlosen Regiearbeit wirkte.
Wenn die inzwischen auf ein überschaubares Repertoire an hölzernen Standardgesten zusammengeschrumpften Reste der Inszenierung so überhaupt nicht zu stören vermochten, so waren dafür neben Shicoff auch seine exzellenten Mitstreiter verantwortlich: Carol Vaness (Tosca) und Lucio Gallo als machohafter Miesling Scarpia ebenso wie die vorzüglichen Hauskräfte Alexander Tsymbalyuk und Andreas Hörl und nicht zuletzt die Philharmoniker, die unter Frederic Chaslin auch eine Prise jener Italianità aufnahmen, die auf der Bühne so beglückend freigebig versprüht wurde.



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