Ist Gibsons Bibelfilm zu brutal?
Passion Christi: Ein Kinoerlebnis, das tief bewegt, neben Gewalt auch viel Liebe zeigt.
Hamburg. Mit gemischten Gefühlen ging der Autor dieser Zeilen - aufgeklärter "Heide" übrigens - zur Vorführung des Films "Die Passion Christi". Glaubt er den negativen Kritiken, dann erwartet ihn ein zweistündiges blutrünstiges und mutmaßlich antisemitisches Machwerk im Breitwandformat, gedreht für den Kommerz.
Doch schnell wird klar: Mel Gibsons "Passion Christi", die auf den vier Evangelien basierende Darstellung der letzten Stunden im Leben von Jesu Christi, ist mehr als eine opulent ausgestattete und medial prominent gemachte Sandalenoper. Der Film hat eine ureigene Kraft, der sich wenige entziehen können.
Von der Gefangennahme Jesu (James Caviezel) im Jerusalemer Garten Gethsemane über die Verhöre vor dem obersten Schriftgelehrten Kaiphas (Mattia Sbragia) und Statthalter Pilatus (Hristo Naumov Shopov) bis zu Folterung, Kreuzweg und Kreuzigung wird der Zuschauer immer tiefer in den Strudel der Ereignisse vor knapp 2000 Jahren hereingezogen.
Jesus sucht die Kraft, seine Bürde weiterzutragen, Judas Ischariot (Luca Lionello) verfällt dem Wahnsinn, Maria (Maia Morgenstern) bangt um ihren Sohn - das Publikum steht immer dabei, leidet mit den großartigen Schauspielern, gehört zum gaffenden Publikum bei der furchtbaren Auspeitschung Jesu und spürt das Gewicht des Kreuzes auf dem Weg gen Golgatha.
Die Wucht der Bilder schafft Statik. Das klingt völlig unmöglich, aber so ist es. Satte Erdtöne, starke Lichtkontraste und Zeitlupe schaffen eine Welt, die sich stark an orthodoxer Ikonographie und an der religiösen Malerei der Renaissance orientiert. So wirkt selbst der tobendste Mob gemäldehaft und krallt sich im Gedächtnis ebenso fest wie die untertitelte aramäische und vulgär-lateinische Sprache der Darsteller: längst ausgestorbene Sprachen, die dem Film eine unbeschreibliche Atmosphäre verleihen.
In der Konsequenz ist Gibsons Film nicht antisemitisch und auch nicht gewaltverherrlichend: Herodes, Kaiphas, Pilatus, Judas, der Jesus leugnende Jünger Petrus, das Volk Jerusalems, die römischen Besatzer - das ist die eine Seite, zweifelnde oder gütige Schriftgelehrte, römische Legionäre, Höflinge und einfache Menschen die andere. Somit ist Gibsons Botschaft nicht, dass "die Juden" oder "die Römer" Jesus töteten, sondern wir alle.
Die Geißelung und Kreuzigung Christi wird zwar drastisch dargestellt, überschreitet aber anders als etwa in "Der Soldat James Ryan" oder "Kill Bill 1" keine neue Gewaltschwelle im Blockbuster-Kino. Gewalt gehört in Gibsons Film zum Wirken und Leben Christi ebenso dazu wie Rückblenden auf Abendmahl und Bergpredigt, Gewalt ist Teil seiner Geschichte.
Entscheidender ist, dass am Ende Liebe und Güte die Botschaft des Films sind, dass der Film zum Nachdenken und Diskutieren anregt und dass sogar der "ungläubige" Autor mit einem bewegten, positiven Gefühl den Kinosaal verlässt.




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