Das Filmemacher-Genie liegt in der Familie
Sofia Coppola: Mit "Lost in Translation" beweist die Tochter von Francis Ford, dass sie eine große Regisseurin mit eigener Handschrift ist
Venedig. Es war ein kleines Filmwunder, das da bei den Festspielen von Venedig passierte. Ganz unaufgeregt, in der Nebenreihe des "Controcorrente", wurde ein Film gezeigt, in den sich alle Zuschauer rettungslos verliebten.
In "Lost in Translation", der morgen in Deutschland startet, lernen sich zwei Personen in einer Hotelbar in Tokio kennen, zusammengeführt von Schlaflosigkeit, vom Jetlag, von der Einsamkeit in der exotischen Metropole. Der eine ist der einstige US-Filmstar Bob Harris, der seinen Restruhm nutzt und einen entwürdigenden TV-Werbespot für Whiskey in Japan dreht. Bill Murray zeigt dabei eine grandiose Leistung. Und die junge Scarlet Johansson steht ihm in nichts nach. Die 19-Jährige spielt die frisch verheiratete Charlotte, die ihren Mann zum Job nach Japan begleitet und vom Nichtstun und Warten schier erdrückt wird - bis sie ihre Einsamkeit mit dem Schauspieler teilt.
Die subtile Annäherung der verlorenen Seelen ist bis in die letzten Minuten spannender als ein Krimi. Auch wenn er eine Studie der Isolation ist, verlässt man diesen Film beschwingt, geradezu beglückt.
Sofia Coppola, die Tochter von Filmemacher Francis Ford Coppola, hat nach ihrem gefeierten Debüt "The Virgin Suicides (1999) jetzt noch größeren Jubel geerntet. Die scheue Jungregisseurin beweist mit "Lost in Translation", dass sie sich von ihrem Vater emanzipiert und eine eigene Signatur entwickelt hat. Die New Yorkerin ist eine begnadete Geschichtenerzählerin, eine Meisterin des Subtilen und Persönlichen, die Komik und Tragik der menschlichen Existenz zu einer federleichten Filmtextur verwebt.
Blasses Gesicht, zarte Statur, krumme Nase: In ihrer mädchenhaft-linkischen Art wirkt Sofia schutzbedürftig und weitaus jünger als 32. Doch der Eindruck täuscht - Miss Coppola kann ein zäher Brocken sein. Immerhin schaffte sie es, in einer der teuersten Städte der Welt einen Low-Budget-Film zu inszenieren, der nur vier Millionen Dollar kostete und in 27 Tagen abgedreht war. Zuvor hatte sie Bill Murray, der als dickköpfig gilt, so lange zugesetzt, bis er ihr Drehbuch las - und umgehend zusagte. Jetzt nennt der 1,90-Meter-Koloss sie nur noch "the Boss". Und verblüfft mit einem Spiel, das alles in den Schatten stellt, was man von Murray je gesehen hat. Wenn er mit Whiskeyglas in der Hand James-Bond-Mimik imitiert, ist das noch der bekannte Komiker ("Und täglich grüßt das Murmeltier"). Wenn er dann aber in einer Bar eine Karaoke-Version von "More than this" singt, überwältigt er alle mit seiner Traurigkeit. "Ich wollte mehr von seiner romantischen Seite sehen", erklärt Sofia Coppola schlicht ihre ungewöhnliche Wahl. Bingo. "Bill Murray war nie besser", schwärmt US-Kritikerpapst Roger Ebert und fügt hinzu: "Dies ist einer der besten Filme des Jahres." In den Tagen vor den Oscar-Nominierungen ist das wie ein doppelter Ritterschlag.
Mittelpunkt des Coppola-Filmclans ist Regie-Legende Francis Ford. Sofias Mutter Eleanor ist Dokumentarfilmerin, Bruder Roman Produzent und Regisseur, Cousin Nicolas Cage ein Star. Auch Sofias Ehemann Spike Jonze ist Regisseur ("Being John Malkovich", "Adaptation"). Wie hat Sofia es geschafft, in diesem Clan eine eigene Identität als Filmemacherin zu entwickeln? "Indem ich immer das gemacht habe, was ich wirklich wollte", antwortet sie gelassen. "Mein Vater hat mich darin ermutigt, meinen eigenen künstlerischen Weg zu gehen, mit sehr persönlichen Filmen."



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