"Ich mag keine Gewalt"
Clint Eastwood: Wie aus dem US-Schauspieler ein ernsthafter Regisseur wurde. Heute kommt sein Film "Magic River" in die Kinos.
Seine letzten Filme inszenierte Clint Eastwood alle selbst, und spätestens mit dem Oscarprämierten Western "Erbarmungslos" etablierte er sich als ernsthafter Filmemacher. Nun wagte er sich an die Verfilmung des Romans "Mystic River" von Dennis Lehane (deutsch: "Spur der Wölfe"). Es ist die tragische Geschichte von drei Männern, die als Kinder die besten Freunde waren, bis einer von ihnen entführt und missbraucht wurde. Markus Tschiedert traf Clint Eastwood in London.
ABENDBLATT: Wie schon in "Erbarmungslos" gehen Sie auch in "Mystic River" den Spuren von Gewaltanwendung nach. Was fasziniert Sie an diesem Thema?
CLINT EASTWOOD: Es hat mich schon immer interessiert, wie sich Gewalt sowohl auf den Täter als auch auf das Opfer auswirkt. "Mystic River" ist in dieser Hinsicht eine sehr komplexe Geschichte, die man als amerikanisierte Version einer griechischen Tragödie bezeichnen könnte. Es geht um drei Männer, die in der Vergangenheit gleichzeitig Opfer und Täter waren. Einerseits müssen sie mit ihren Schmerzen, andererseits mit ihrer Schuld fertig werden. Das finde ich packender als die Aufklärung eines Mordes.
ABENDBLATT: In Ihren früheren "Dollar"- und "Dirty Harry"-Filmen wurde Gewalt verherrlicht. Schämen Sie sich heute dafür?
EASTWOOD: Die ganze Welt wird von Gewalt bestimmt. Nicht nur Filme, sondern auch die Literatur setzt sich seit dem Alten Testament damit auseinander. Ich mag keine Gewalt, und wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, frage ich mich schon, ob ich heute noch so spielen oder drehen würde. Das ist schwer zu beantworten, weil ich heute andere Gefühle habe als noch vor 30 Jahren.
ABENDBLATT: Können Sie das genauer erklären?
EASTWOOD: Als Kind liebte ich Filme, in denen geschossen wurde, aber deshalb habe ich nicht gleich mit einer Waffe herumgeballert. Es betrübt mich, dass es heute anders zu sein scheint. Keiner weiß, woher die Gewaltzunahme gerade unter Jugendlichen kommt. Manchmal machen Politiker Filme dafür verantwortlich, was jedoch zu einfach ist.
ABENDBLATT: Sie bekleideten von 1986 bis 1988 im kalifornischen Carmel das Amt des Bürgermeisters. Warum haben Schauspieler in der Politik die besten Chancen?
EASTWOOD: Ich kenne Politiker, die gern Schauspieler wären. Warum? Weil die Schauspielerei zu einem Instrument in unserer medialen Welt geworden ist. Man will Eindruck machen, und ein charismatischer Darsteller wie Arnold Schwarzenegger hat auf jeden Fall eine starke Präsenz.
ABENDBLATT: Wann wurde Ihnen klar, dass Sie eine so starke Präsenz haben, dass Sie als Schauspieler bestehen können?
EASTWOOD: So genau weiß ich das nicht mehr. Ich erinnere mich aber noch, wie mir überhaupt der Gedanke gekommen ist, Schauspieler zu werden. Das war 1951 im Korea-Krieg, und in meiner Kompanie waren verhältnismäßig viele Schauspieler, die ich alle gut leiden konnte. Als ich danach ans College ging, nahm ich selbst Unterricht, weil ich glaubte, dass mich das interessieren könnte. Mit der Zeit hatte ich sogar richtigen Spaß daran. Zum Film ging ich schließlich, weil ich schon immer gern Kinos besucht habe.
ABENDBLATT: Noch mehr Leidenschaft scheinen Sie aber für die Regie entwickelt zu haben.
EASTWOOD: Ich habe erst in den 70er-Jahren damit angefangen. Damals interessierten sich die Europäer mehr für meine Arbeit als meine Landsleute. Inzwischen ist das anders. Ich glaube, jede Filmkarriere läuft anders, und bei mir spielte immer das Schicksal eine große Rolle. Ich habe Gelegenheiten einfach genutzt.
ABENDBLATT: War das auch der Fall, als Sie für "Mystic River" die Filmmusik geschrieben haben?
EASTWOOD: Ich genieße die Filmwelt, bin aber mit großer Leidenschaft zur Musik aufgewachsen. Ich habe sogar einige Jahre Musik studiert und es dann dabei belassen. Ich hatte nie die Absicht, meinen jetzigen Beruf an den Nagel zu hängen und auf Musiker umzusatteln. Aber manchmal packt es mich einfach. Dann setze ich mich ans Klavier und versuche eine Melodie zu kreieren. So fand ich auch den richtigen Rhythmus für "Mystic River".
Ich sehe etliche Parallelen zwischen einem Musiker und einem Filmregisseur. Man hat sein Drehbuch oder seine Noten und kann sofort anfangen. Aber man feilt noch daran herum, probiert mehrere Takes und hofft, irgendwann richtig zu liegen.
ABENDBLATT: Welchen Vorteil sehen Sie, wenn ein Schauspieler sein eigener Regisseur ist?
EASTWOOD: Ich war schon immer der Ansicht, dass jeder Schauspieler auch mal die Seite des Regisseurs kennen gelernt haben muss, genauso wie jeder Regisseur sich mal als Schauspieler versuchen sollte. Ich höre immer wieder Geschichten von Schauspielern, die undiszipliniert sind und Starallüren haben. Das kann dir nicht passieren, wenn der Schauspieler auch die andere Seite kennen gelernt hat. Deshalb habe ich mir für "Mystic River" Sean Penn, Laurence Fishburne, Kevin Bacon und Tim Robbins ausgesucht, die alle diese Erfahrung schon mal gemacht haben.
ABENDBLATT: In "Mystic River" übernahmen Sie keine Rolle. Soll sich der Zuschauer daran gewöhnen, dass Sie als Schauspieler in den Hintergrund treten?
EASTWOOD: Ich gebe zu, dass mein Interesse für die Schauspielerei mit zunehmenden Alter abgenommen hat. "Sadistico" war 1970 mein erster Regiefilm, seitdem bin ich davon nicht mehr losgekommen. Jetzt scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, jüngeren Schauspielern den Vortritt zu lassen.
ABENDBLATT: Sie sind mit 73 Jahren noch ein dynamischer Filmemacher. Hält Sie die Arbeit jung?
EASTWOOD: Ich glaube, das habe ich eher meiner siebenjährigen Tochter Morgan zu verdanken. Sie hält mich auf Trab. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nicht viel von Gesundheitsaposteln halte. Ich genieße das Leben, und dazu gehört auch, jeden Tag etwas Neues zu entdecken - und das gelingt mir am besten, wenn ich einen Film drehe.




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