Ein unerwarteter Triumph
Venedig: Katja Riemann bekam für ihre Rolle in "Rosenstraße" den Goldenen Löwen.
Hamburg. Es war wie verhext. Venedig war für den deutschen Film lange kein gutes Pflaster. Zuletzt hatte Wim Wenders 1982 für "Der Stand der Dinge" einen Goldenen Löwen einheimsen können. Götz George gewann 1995 als bester Darsteller in "Der Totmacher". Diese Durststrecke hat Katja Riemann nun beendet. Ihre Rolle in Magarethe von Trottas "Rosenstraße" brachte ihr die Auszeichnung als "beste Schauspielerin" ein. Ein schöner Triumph für eine ebenso vielseitige wie manchmal schwierige Künstlerin, die sich im Laufe ihrer Karriere schon häufiger als Preishamster entpuppt hat: Deutsche und Bayerische Filmpreise, den Grimme-Preis, die Goldene Kamera. Der Coppa Volpi ist ihre erste internationale Auszeichnung. In "Rosenstraße" spielt Katja Riemann Lena, eine mutige Frau, die es nicht hinnimmt, dass die Nazis ihren jüdischen Mann gefangen nehmen und womöglich deportieren wollen. Angebote, sich von ihm scheiden zu lassen, lehnt sie ab. Lena protestiert lautstark, und zusammen mit den anderen Frauen erwirkt sie die Freilassung der Männer. Riemann spielt die Lena mit Herz und Wut im Bauch. Sie verkörpert beispielhafte Menschlichkeit und Zivilcourage in Zeiten der Unterdrückung und des Opportunismus. Das kam an. Ihren Preis hat die 39-Jährige am Sonnabend allen Frauen gewidmet, die damals in Berlin Widerstand geleistet haben. Anfang der 90er-Jahre war Katja Riemann unentwegt zu sehen: "Abgeschminkt", "Ein Mann für jede Tonart", "Der bewegte Mann", "Stadtgespräch" - im deutschen Kino boomten die Beziehungskomödien, und die blonde Schauspielerin war in vielen Produktionen dabei. In zu vielen, wie manche meinten. Ihre Arbeitswut schien unersättlich, sie wurde von Kollegen bespöttelt. Das gipfelte darin, dass Detlev Buck seinen Film "Männerpension" mit dem Zusatz "garantiert Riemann-frei" bewerben ließ. "Ich bin ein eitler Mensch, aber keine eitle Schauspielerin", sagte die blonde Darstellerin einmal über sich. Viele Journalisten machten besonders mit dem ersten Teil des Satzes einschlägige Erfahrungen. Wohl auch als Reaktion auf den Branchenspott zog sie sich aus dem Kinogeschäft zurück, arbeitete für das Fernsehen. Ihre Vielseitigkeit lenkte sie aber auch in andere Bahnen. Die Mutter einer neun Jahre alten Tochter hat zwei Kinderbücher geschrieben, die ihre Schwester Susanne illustrierte. Und sie hat ihre musikalische Ader wieder entdeckt. In "Bandits", dem Versuch eines deutschen, musikalischen Road-Movies, spielte sie 1997 die Schlagzeugerin einer Frauenband und kam so wieder mit der Musik in Kontakt. Schon in den 80er-Jahren hatte sie Protestsongs zur Gitarre gesungen. Durch "Bandits" habe sich für sie "ein Fenster wieder geöffnet", sagte sie im Abendblatt-Interview. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie ihre erste Solo-CD und gab im Februar mit ihrem Oktett ein Konzert in den Kammerspielen. Außerdem spielte sie dort im Liederabend "Ein Stück vom Himmel" mit. Auch auf einer anderen Bühne war sie zu sehen: im Berliner Theater am Kurfürstendamm. Offenbar hatte ihr das gefallen, denn zusammen mit ihrer Tochter Paula spielte sie zuletzt im Maxim-Gorki-Theater in der Komödie "Damen der Gesellschaft". Im vergangenen Jahr kehrte Riemann wieder ins Kino zurück. In dem von der Hamburger Regisseurin Hermine Huntgeburth inszenierten Kinderfilm "Bibi Blocksberg" - die erfolgreichste deutsche Kinoproduktion 2002 - war sie Barbara Blocksberg, die Mutter der Titelheldin, eine Hexe, die aus Liebe zu ihrem Mann die Hexerei aufgibt. "Ich wollte ständig zaubern", sagte sie in einem Interview. Jetzt hat sie in Venedig erst einmal den Bann gebrochen. Auch ohne Hexerei. Das lässt doch hoffen.



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