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Kultur & Live

Die DDR als Seifenoper

Wie das deutsche Fernsehen Millionen von Menschen verhöhnt

Hamburg. Im Dritten, dem Nazi-Reich, haben die Menschen auch ihren Spaß gehabt. Sie haben sich vergnügt, sie feierten, und sie lachten, bis sie dann mit einem Male spürten, in einem Lande zu leben, in dem es bald nichts mehr zu lachen geben würde. Als die Reichskulturkammer "Negermusik" und Swingtanzen verbot, ahnten nur die wenigsten, was noch kommen würde: das Unvorstellbare. Wohl nie im Nachkriegsdeutschland ist der Versuch gemacht worden, die vermeintlich guten Seiten des Lebens der 30er-Jahre hervorzuheben und somit das Reich in Gänze schönzufärben. Anders ergeht es der zweiten deutschen Diktatur, der roten, die der braunen folgte. 13 Jahre nach der deutschen Einheit erlebt das Land von Ulbricht und Honecker in den Köpfen nicht weniger Menschen eine merkwürdige Wiedererweckung - und zwar zum Guten hin. Die Erfinder mit der Besessenheit, die schönen Seiten des Schrecklichen zu suchen und damit die Wahrheit zu verbiegen, sind deutsche Fernsehsender. Ihre Programmatik ist von einer verheerenden Simplizität, die sich etwa so liest: Ja, das mit der Mauer und den Toten und der Stasi war schlimm, aber . . . Was mit dem Aber gemeint ist, dürfen die deutschen Zuschauer nun in ganzen Serien von ost-nostalgischen Shows über sich ergehen lassen. Die DDR als Seifenoper, schlimmer, platter und geschichtsklitternder geht es nicht, der Tiefstand in dieser medialen Auseinandersetzung mit den deutschen Erfahrungen der jüngeren Geschichte ist damit erreicht. Nach der "Ostalgie-Show" im ZDF goss nun SAT.1 mit der "Ultimativen Ost- Show" süßliche Soße über 40 Jahre DDR und widersprach auch nicht, als dieser Satz eines ehemaligen DDRlers fiel: "Es war eine schöne Zeit." Nicht einmal die beiden Moderatoren Ulrich Meyer und Axel Schulz - der Boxer aus dem einstigen Osten - schnappten da nach Luft. Warum, so fragen wir uns betroffen, ist dieses Land, in dem so vieles "lustig" war, von seinen Bürgern bravourös zum Teufel gejagt worden? Dieses Land mit seinem komplexen Unterdrückungsapparat in der televisionären Welt von heute als Kultobjekt darzustellen, verhöhnt Millionen Menschen, die unter dieser DDR gelitten haben. Es war doch ein besonderes Merkmal dieses Landes und seines totalitären Regimes, den Menschen keinen anderen Ausweg zu lassen, als die Flucht nach innen zu ergreifen, weg vom grauen Alltag der Gängelung ins Private. Der kleinere deutsche Teilstaat entwickelte sich zu einer Nischen-Gesellschaft. Alles war klein in diesem sozialistischen Staat: das Glück, das "Datsche" genannte Schrebergartenhäuschen, gering die Hoffnung auf bessere Jahre. Und wer nachts zu den Sternen sah, war sich immer bewusst, unter einem geteilten Himmel leben zu müssen. Am bedrückendsten empfanden dies Menschen, die das Nazireich mit Bewusstsein erlebten und überlebten, die ganze DDR-Zeit eingesperrt hinter sich brachten und mit der endlich gewonnenen Freiheit vor 13 Jahren dann aber im Alter nicht mehr die Kraft hatten, nachzuholen, was ihnen Zeit ihres Lebens immer fremd geblieben ist. Wenn es Verlierer der Einheit gegeben hat, dann waren sie es, und es sind viele. Diese Menschen mussten sich mit zwei Diktaturen arrangieren, verzichten, durften nichts vonWeltläufigkeit erfahren, Fremde in einer offenen Welt. Welche Gefühle werden sie wohl bewegen, wenn heute die Ostalgie-Welle über sie schwappt, das Leid verschweigt und die traurige Wahrheit deutsch-deutscher Vergangenheit damit relativiert? Die Geschichte ist reich an der Verbreitung von Verdrehungen der Wirklichkeit und Lügen. An einer neuen wird derzeit gestrickt.

 

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