Sehenswert: Kunst, die jenseits der Mauer entstand.

Berlin. Die Empörung war nicht zu überhören. Ob er das richtig verstanden habe, wollte ein Kollege auf der Pressekonferenz von den Kuratoren wissen: Die Herren hielten nichts von dem, was die DDR bis zur Wende auf ihren Kunstausstellungen in Dresden gezeigt habe? Ja, er hatte richtig verstanden. Von der einstigen Klassenkampfmalerei mit ihren Stahlkochern, Traktoristen und HO-Verkäuferinnen ist in der Neuen Nationalgalerie nichts geblieben. Tatsächlich gibt es nur zwei Gemälde, die man als "staatstragend" im Sinne der untergegangenen DDR bezeichnen könnte. Das eine ist Wolfgang Mattheuers Frauenbildnis "Die Ausgezeichnete", dessen Wirkung sich umgekehrt zu haben scheint (die Freude über die Ehrung wirkt zumindest gebrochen), das andere ist Werner Tübkes "Brigadebild": ein Gemälde, das in seiner Manier frappierend an Piero della Francesca erinnert. Das Sujet ist sozialistisch realistisch. Die Form aber ist es, die dieses Bild als Meisterwerk ausweist. Tübke, der sich für die Moderne erklärtermaßen nie interessiert hat, ist von der SED hofiert worden. Genauso wie die Nationalpreisträger Mattheuer, Heisig oder Sitte, die den Kunstbetrieb der DDR bis zum Zusammenbruch des Systems beherrschten. Diese einstigen Staatskünstler spielen in der Berliner Ausstellung wenn nicht eine untergeordnete, so doch höchstens die Rolle Gleicher unter Gleichen. Wichtiger als ihre Arbeiten scheinen die frühen Bilder eines Harald Metzkes, Manfred Böttcher oder Ernst Schroeder, die das Regime mit ihren depressiven, neo-realistisch "schwarzen Bildern" schnell gegen sich aufbrachten. Wie tönte Walter Ulbricht Anfang der 50er-Jahre? "Wir wollen in unseren Kunstschulen keine abstrakten Bilder mehr sehen. Wir brauchen weder die Bilder von Mondlandschaften noch von faulen Fischen. Die Grau-in-Grau-Malerei, die ein Ausdruck des kapitalistischen Niedergangs ist, steht im schroffsten Widerspruch zum heutigen Leben in der DDR!" Metzkes, Begründer der so genannten Berliner Schule, hat Ulbricht 1957 noch einmal mit einem "faulen Fisch" provoziert - sein düster-gefährliches Stillleben "Der Hai" gehört zu den überragenden Bildern dieser Ausstellung. Zwei Jahre später kroch der Bautzener mit süßlichen Auftragswerken wie "Polytechnischer Unterricht" zu Kreuze. Zur Belohnung gabs 1963 die erste Einzelausstellung, 1977 den Nationalpreis . . . Zu den Absurditäten der untergegangenen DDR hat es gehört, dass sie "ihre" Künstler nach Quadratzentimetern bezahlte. Für ein Bild von 50 mal 50 Zentimeter Größe gab es 500 bis 1500 Mark Honorar, für anderthalb Quadratmeter 12 000 bis 25 000 Mark. Wer Bilder ablieferte, denen das Regime "nationale Bedeutung" zumaß, konnte mit einem Aufschlag von 50 Prozent rechnen; wer dem Politbüro nicht genehm war, konnte sehen, wo er blieb. Am besten nicht in der DDR. Fotografen wie Erasmus Schröter und Thomas Florschuetz, die der gesellschaftlichen Realität näher rückten als die Maler, verließen die DDR - Maler, die sich wie Horst Bartnig der abstrakten Kunst zuwandten, erinnern sich rückblickend, "zu DDR-Zeiten" höchstens "ein oder zwei Bilder verkauft" zu haben. "Kunst in der DDR": 14 Jahre nach dem Mauerfall scheint die Zeit reif zu sein, um zu zeigen, was in 40 Jahren an Gültigem in der DDR entstanden ist. Jetzt, wo die Stasi-Debatte nicht länger den Blick darauf verstellt, was Kunst will, wie es Eugen Blume, einer der beiden Ausstellungs-Kuratoren, formuliert. Für 400 Arbeiten von 145 Künstlern wird die Neue Nationalgalerie jetzt zum "Prüf-Feld für die Kunst" (Blume). Die Berliner Ausstellung ist - nach der Prozess-umtosten "Aufstieg und Fall der Moderne"-Ausstellung in Weimar 1999 und der "Klopfzeichen"-Schau in Leipzig 2002 - ein neuer, außerordentlich sehenswerter Versuch, die jenseits der Mauer entstandene Kunst zu würdigen. Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlin, hat den Heidelberger Kunsthistoriker Hans Belting zitiert: Die Kunst zeige den Deutschen in Deutschland, wer sie seien. Und Schuster fügte lächelnd hinzu: "Diese Ausstellung wird heftig beredet werden." Da hat er ganz sicher Recht. Am ersten Wochenende kamen bereits 10 000 Besucher in die Mammutschau.

  • Kunst in der DDR Neue Nationalgalerie Berlin, Potsdamer Straße 50; di, mi, fr 10-18, do 10-22 Uhr, sbd, so 11-18 Uhr, mo geschlossen. Katalog 22 Euro.