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Kultur & Live

Ein Festival für Frank den Frechen

Sommerausflug: Das Mekka für Zappa-Fans liegt in Mecklenburg- Vorpommern.

Bad Doberan. "Wer bitte ist das denn!?" Mitten in Bad Doberan, direkt neben den Gleisen der historischen "Molli"-Bahn, steht ein Touristenpaar mit Rucksack und Sandalen und wundert sich, während die altertümlichen Waggons vorbeizuckeln. Von einem Podest aus zwei stilisierten "Z"s lächelt sie ein bärtiger Herr mit Hakennase, Bärtchen und Zopf an. Nein, das ist nicht der obligatorische örtliche Heimatdichter in Bronze, und auch kein anderer berühmter Sohn der Stadt, den schon im nächsten Örtchen niemand unter 85 mehr kennt. Ausgerechnet hier, in der Idylle der mecklenburgischen Ostseeküste, treffen sie auf ein Denkmal für einen der kreativsten, skurrilsten und frechsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Frank Zappa, Spießerschreck, unflätiger Rock-Rabauke, anspruchsvoller Avantgarde-Komponist, Underground-Ikone. Mitten in der Provinz. Hätte man so und hier nicht erwartet beim Anblick des ansonsten gut durchsortierten Kurstädtchens. Die Überraschung hat zwei Gründe, der eine heißt "Zappanale", der andere Wolfhard Kutz. Und beide wären ohne einander wohl nicht denkbar. Seit 1971 und der Platte "Burnt weenie sandwich", da war er 16 Jahre jung, ist Kutz Zappa-Fan, seit 1990 organisiert der 48-Jährige das nach dem großen Unberechenbaren benannte Festival. Die Premiere fand damals vor 75 Zuhörern statt, die Bands spielten auf herbeigekarrten Traktoranhängern. Kurz danach kam die Währungsreform übers Land und alles, alles wurde anders. So romantisch das rückblickend klingt, mit knapp 2000 Platten in der Sammlung und einem weltweiten Netzwerk Gleichgesinnter, die Anfänge der Zappa-Manie waren für Kutz klein und keineswegs einfach. An die begehrten Platten war in der DDR nur über Tauschringe oder nicht wirklich legale Schleichwege ranzukommen. In der Straße, in der Kutz wohnte, sprang jedes Mal die Nadel aus der LP-Rille, wenn "Molli" unten vorbeirumpelte. Und als mit einiger Verspätung auch die Stasi kapiert hatte, wie anarchistisch und bissig die Texte des kapitalismuskritischen Klassenfeinds Zappa waren, bekam Kutz wirklich Probleme. Lang ists her. Inzwischen ist der Bürgermeister Ehrenmitglied des ordnungsgemäß eingetragenen Zappalogen-Vereins "Arf Society", und als die Lokalzeitung Anwohner befragte, was sie denn von Zappa im Allgemeinen und von seiner Büste im Ort im Besonderen hielten, wurde gelassen geantwortet: Kennen wir nicht. Oder: Mögen wir nicht. Aber: Wenn's für Bad Doberan gut ist, haben wir nichts dagegen. Nichts dafür übrig hat offenbar nur die Landesregierung, die Kutz nicht finanziell unter die Arme greift, als ob die strukturschwache Region sich nicht retten könnte vor kulturellen Highlights. Dabei ist aus den ersten, bescheidenen Anfängen längst ein eigenwilliges Freistil-Festival geworden, das seinesgleichen nicht hat auf der Welt. Für die dreitägige 14. Zappanale in der nächsten Woche rechnet Kutz mit rund 4000 Besuchern täglich, die meisten Veranstaltungen finden auf dem Gelände der Trabrennbahn statt, die idyllisch zwischen Bad Doberan und Heiligendamm liegt. Es gibt aber auch Vorträge wie jenen, in dem Zappas Schaffen und die Gedankenwelt Hegels auf philosophische Gemeinsamkeiten abgeklopft werden. Das Zappa-Universum ist so bunt und schillernd, dass es jedes Jahr für neue Musiker-Kombinationen und Werk-Entdeckungen reicht, außerdem: wo Zappanale draufsteht, muss nicht mal unbedingt Zappa pur drin sein. Zappaesk geistesverwandt reicht auch, unsortiert und wild also, laut und schräg, gern auch mit einer kräftigen Dosis rüden Humors unterhalb der Gürtellinie. Populärster Name in diesem Sommer ist Nina Hagen. Genau genommen hat sie mit Zappa nicht mehr gemeinsam als eine Zeit lang den gleichen Manager. Aber die Einstellung zur Musik und zum Leben an sich ist ungleich wichtiger als der ordnungsgemäße Stallgeruch. Dass es sein Festival kürzlich auf einer "Focus"-Liste unter die 60 schönsten Deutschlands geschafft hat, in einer Liga mit Bayreuth und anderen A-Klasse-Events, das macht Kutz schon mächtig stolz. Vor allem, weil hier kein Kommerz-Motor die Dinge antreibt, hier sind beinharte Fans am Werk, und das Familiäre steht im Vordergrund. In Kutz' Büro seiner Telekommunikations-Firma hängt eine Goldene Schallplatte Zappas, hinter dem Schreibtisch Frank lebensgroß in Öl, eine Etage höher ist die Schaltzentrale, der hochoffizielle Tagungsraum der "arf society". Vor der Treppe warnt ein Schild "Freaks only", darüber hängt ein riesiger gelber Plastik-Hai als Erinnerung an das Zappa-Spätwerk "Yellow Shark", im Raum verteilt sind Sammlerstücke und Plakate. Der Zappatisten-Verein hat weltweit Hunderte von Mitgliedern, im letzten Jahr trat der erste Chinese ein. Doch auch die Begeisterung der Musiker für das Festival ist so groß, dass einige Bands ohne Honorar spielen oder die Anreisekosten selbst übernehmen. Dabeisein ist hier alles. Spielverderberin in bester Yoko-Ono-Tradition ist ausgerechnet Zappas Witwe Gail, die auf dem riesigen Nachlass sitzt und für alles von jedem Bares in größeren Mengen fordert. "Soll sie doch", meint Kutz ungerührt, "wir rechnen unsere Aufführungen über die GEMA ab und kümmern uns nicht weiter darum." Zappa hätte das garantiert weniger diplomatisch ausgedrückt.

 

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