"Generation Golf" ist aus der Spur
Sie glaubten an eine Zukunft mit Sieg-Garantie. Umso härter trifft sie nun die Krise. Bestseller-Autor Florian Illies (32) beleuchtet in einem neuen Buch seine einst so unbekümmerte Generation.
Hamburg. Eine neue Runde ist eingeläutet im Verhältnis zwischen den Generationen. So kommt es dem Autor Florian Illies zumindest vor: "Wir werden jetzt offenbar nicht mehr verwöhnt (was wir als normal empfanden), nicht mehr beneidet (was wir uns zumindest einbildeten), nicht mehr verachtet (was wir während des ganzen Börsenbooms gar nicht bemerkten), sondern bedauert." Was ist passiert? Der Autor und Schöpfer der "Generation Golf" hat ein neues Buch geschrieben, das heute auf den Markt kommt. Drei Jahre nach seinem viel diskutierten Bestseller, in dem er das Lebensgefühl einer ganzen Generation, seiner Generation, aufs Korn genommen hat. Es sind die zwischen 1965 und 1975 Geborenen; jene, die den 1974 entstandenen VW Golf zum bestverkauften Auto in ihrer Altersklasse machte. Die unbekümmerten Überflieger auf der Überholspur des Lebens. Jetzt sind sie ins Schleudern geraten. Und können es nicht fassen. "Generation Golf zwei" heißt die Bestandsaufnahme nun. Passend zum Serientrend dieses Kinosommers, der mit "Terminator 3", "Matrix 2", "Matrix 3" und "American Pie 3" die Kassen füllen will. Das indes soll dem Autor nicht unterstellt werden; sein erstes Buch war nie als Fortsetzungsroman angelegt. Er habe seine Kindheit damit abgehakt, sagte er vor drei Jahren noch. Ein Nachfolgewerk schien ihm mehr als fraglich. Es lief ja auch alles so gut, so easy. Das behagliche Leben einer Generation, die mit Playmobil, Nutella, Zauberwürfeln, H&M und Ikea aufgewachsen war, und deren einziger Frust darin bestand, dass ihre Eltern Cola nicht als lebensnotwendiges Grundnahrungsmittel anerkannten. MTV und Viva gabs noch nicht. Frank Elstner mit "Wetten, dass . . . ?" und Helmut Kohl als Abonnent auf den Kanzlersessel standen für Beständigkeit. Joggen hieß noch Dauerlauf, statt Fitnessstudios gabs Sportvereine, und Formel-1-Rennen waren vor allem als Quartettkarten ein Thema. Fischfilet à la Bordelaise galt ihnen als Gipfel globaler Esskultur, und Tomaten mit Mozzarella waren noch nicht in aller Munde. Diese Kinder durften (fast) alles. Sie hatten verständnisvolle Eltern. Selbst Sex im zur "Bude" mutierten Kinderzimmer war kein Tabu. Wofür, wenn nicht auch für diese Art der Freiheit hatten ihre Eltern schließlich gegen deren eigene Eltern gekämpft. Es war die Generation, der nicht gedroht wurde, "niemals wieder diese Schwelle betreten" zu dürfen, weil sie vielleicht politisch anders oder gar nicht gepolt war, ihr Studium abbrach und nicht gleich nach dem Abi in die Bausparkasse eintrat. Sie waren Nesthocker mit Auslandserfahrung, die Hotel-Mama-Generation, die kamen und gingen, wie sie wollten, so lange sie nur von Zeit zu Zeit den Mülleimer rausbrachten und sich ab und an zu Hause meldeten. So war es eben damals in den 80ern und frühen 90ern. Für Illies das "langweiligste Jahrzehnt des 20. Jahrunderts". Eltern und Kinder fühlten sich beide von ihm ertappt. Mit Witz und Ironie in Slapstickmanier seziert. Dann hatten diese "kiddies" endlich den Führerschein, ihren eigenen Golf GTI, den Armani-Anzug, das Gucci-Kostüm, die Boss-Unterwäsche, die blau getönte Sonnenbrille von Calvin Klein. Sie wurden Freundinnen ihrer Mütter oder Konkurrenten auf dem männlichen Balzparkett. Eltern hielten sich für cool und waren doch nur "peinlich". Denn die "Generation Golf" war eigentlich so wie alle Generationen vor ihnen. Sie wollten ums Verrecken nicht so sein wie ihre Eltern. Wollten anders leben, anders denken. Und sie fühlten sich grandios wie jede Jugend. Die Zukunft erschien ihnen wie eine risikofreie globale Spielwiese mit Sieg-Garantie. Sie hatten das Leben einfach voll im Griff. Nur das war anders: Sie waren schon auf der Pole Position gestartet. Und ohne Boxenstopp im Eiltempo am Ziel angekommen. Sie verdienten mit Dreißig mehr als ihre Eltern kurz vorm Rentenalter, hatten die Senatorcard der Vielflieger, während ihre Eltern am Economy-Schalter anstanden. Laptop, Handy, SMS, Kreditkartenpaletten in Gold, Lofts und Anlageberater gehörten zu ihrer Grundausstattung. Sie tranken Prosecco, Wodka-Red-Bull, Latte Macchiato und auch schon mal grünen Tee. Sie wollten sich politisch nicht engagieren. Sie meckerten nicht einmal wie ihre Eltern. Sie hatten einfach keine Zeit dafür. Sie waren wie Franka Potente in "Lola rennt" - immer außer Atem. Der 9. November 1989 war für sie kein Jahrhundertereignis. Der Fall der Mauer berührte sie nur, weil ihre Eltern emotional "ausflippten". Sie waren die Spaß- und Genussgeneration par excellence. Viele Dreißigjährige erkannten sich wieder. Anderen Gleichaltrigen, die nicht auf dieser genüsslich zelebrierten Selbstdarstellungsschiene liefen, war es kreuzegal. Vielleicht war ihnen klar, dass der Generationenstempel immer von der Gruppe geprägt wird, die sich am besten hochstilisieren lässt. Für die "Generation Golf" zersprang die schöne heile Welt kurz nach dem Jahrtausendwechsel. Genau wie für alle anderen. Sie aber traf, so Florian Illies, die Erkenntnis ihrer "Verletzbarkeit vollkommen unvorbereitet". Nach dem Börsenboom kam der Crash. Internet-Start-Ups gingen in die Insolvenz. Aktienkurse fielen ins Bodenlose. Der 11. September erschreckte sie zutiefst. Das war hautnah. New York war ein Vorort ihres ausgeflippten Lebensstils. Die Arbeitslosenquoten waren plötzlich keine abstrakten Zahlen mehr über dem für sie wichtigeren Laufband der Börsenkurse in n-tv. Kollegen, Freunde und dann auch sie gingen auf in der Statistik. "Entschleunigung" und "Lust am Müßiggang", als neuer Trend in Zeitschriften angepriesen, kann ihnen in ihrer Situation nur ein mattes Lächeln entlocken. Der Irak-Krieg brachte sie in Rage. Ließ sie politisch Stellung beziehen gegen politische Täuschungsmanöver und Machtansprüche. Sie waren urplötzlich gezwungen, die getönte Sonnenbrille abzunehmen und verschreckt ins grelle Licht zu blinzeln. Illies' bitterironische Bilanz: "Wir standen schon mit Ende 20 oder Anfang 30 kurz davor, mit Eigenheim und gefülltem Konto die Frühpensionierung ins Visier zu nehmen. Und jetzt stehen wir plötzlich wieder ganz am Anfang, haben womöglich den Job den verloren - das ist wie beim Malefiz-Spiel, wenn man kurz vor dem Ziel noch mal zurück auf Anfang muss." Geiz ist nicht mehr geil, sondern lebensnotwendig. Aldi und Lidl sind nicht mehr hip, sondern hilfreich. Sie fliegen, wenn überhaupt, RyanAir statt Businessclass. Kennen Mitfahrzentralen und die Angst vor gestoppten Überziehungskrediten. Ihre Welt steht auf dem Kopf. Der Kanzler sitzt bei "Wetten, dass . . . ?" auf der Couch, der Mitschüler in U-Haft, weil er Bilanzen geschönt haben soll, und Freunde haben schon Kinder, denen sie statt Playmobil hölzerne Brio-Eisenbahnen kaufen. Der schrille Daniel Küblböck, Uschi Glas als Ganzkörperfalten-Model, Joschka Fischers Eheprobleme können nur ablenken, trösten können sie nicht. Die "Generation Golf" ist im wahren, ganz normalen Leben angekommen. Und es geht ihnen nicht so gut dabei, wie Florian Illies in dem ersten Satz seines neuen Buches feststellt. Sie haben sogar "ein bisschen Grippe". Von diesem Synonym eines psychischen und physischen Schwebezustandes erholen sie sich nicht bis zum Ende des Buches. "Generation Golf zwei" ist keine "lustvolle Provokation", wie Florian Illies sein erstes Buch nannte. Es ist die larmoyante Nabelschau eines angesichts von nackten Tatsachen überrollten, hilflosen Vertreters der "jeunesse doree", die nicht wie die "Titanic" am Eisberg, sondern an der rauen Wirklichkeit zerschellt ist. Und - nein, Bedauern, wie er gefürchtet hat, kommt beim Lesen nicht auf. Aber wie Therapeuten gern sagen: Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben. Florian Illies: "Generation Golf zwei" (Blessing Verlag, 256 Seiten, 16,90 Euro).



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