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Kultur & Live

Ein Streichholz im Pulverfass

Javier Marias: "Der Gefühlsmensch" ist ein Szenario der Leidenschaften.

Hamburg. Javier Marias haben wir als vielstimmigen Autor kennen gelernt, als philosophisch ambitionierten Romancier, als polemisch-humorvollen Essayisten, als pointierten Kolumnisten, als leidenschaftlichen Fußballfan, als unterhaltsamen Anekdotenerzähler. Der nun erschienene Roman "Der Gefühlsmensch" wurde 1986 fertig gestellt und lag auch schon einmal als deutsche Übersetzung bei Piper vor. Allerdings vor der Zeit, als Marias durch das "Literarische Quartett" für seinen Roman "Mein Herz so weiß" ein Platz in der Walhalla der Weltliteratur zugewiesen wurde und er zu einem Star auf dem deutschsprachigen Buchmarkt avancierte. Zunächst quält man sich über die ersten Seiten des Buches, durch die Selbstreflexionen eines Opernsängers, dessen Gedanken so verschachtelt und ausschweifend sind wie Marias Satzbau. Der Protagonist singt an internationalen Opernhäusern, hält seinen Beruf aber für "einen der traurigsten und einsamsten, die es gibt". So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Hauptfigur durch eine Zugfahrt aus der Lethargie gerissen wird. (Im Nachwort erfahren wir vom 51-jährigen spanischen Erfolgsautor, dass eine Zugreise von Mailand nach Venedig die Inspiration zu diesem Roman entfachte.) Der Sänger teilt sein Abteil mit einem ihm unbekannten Trio. Stumm sitzen sie sich vis-à-vis, aber der Opernsänger beobachtet die Mitreisenden, beschreibt minutiös jede Regung und versucht daraus Rückschlüsse auf das Innenleben zu ziehen. Die fremden Personen sind die mysteriöse und melancholische Natalia Manur; ihr steinreicher, aus Belgien stammender Ehemann und dessen untertäniger Begleiter Dato, der den Gesellschafter und Aufpasser für Natalia in Personalunion verkörpert. Bei einer Probe zu Verdis "Othello" trifft sich das Quartett in Madrid wieder. Nach der ersten persönlichen Begegnung mit Natalia hat der Opernsänger Feuer gefangen, das vollends entfacht wird, als er vom Diener Dato erfährt, dass die Manurs eine unglückliche Ehe führen. Eine traurige, zur Vorzeigepuppe degradierte Frau zappelt plötzlich in einem Beziehungsgeflecht zwischen drei Männern und spürt (vielleicht zum ersten Mal), dass sie wirklich begehrt wird. Zwischen Bankier Manur und dem Opernsänger entwickelt sich ein hochexplosives emotionales Gemisch aus Eifersucht und Hass. Javier Marias schafft es, in diesem vordergründig handlungsarmen Roman Spannung zu erzeugen, die sich ausschließlich aus dem Innenleben der Figuren speist - der vor Leidenschaft rasende Opernsänger, die aus ihrer Melancholie auftauende Natalia, der kühl-ignorante Dato, der seine Rolle als Aufpasser (und Liebhaber?) nur als gut bezahlten Job sieht; und der erfolgreiche Geschäftsmann Manur, der eine drohende Niederlage vor Augen hat. Der Opernsänger verlässt tatsächlich als "Sieger" die Erzählbühne und befreit Natalia aus Manurs Fängen. Aber damit lässt es Javier Marias nicht bewenden, er arrangiert auch noch einen dramatischen Abgang für den "Verlierer" - ganz so wie in den großen Opern. Ein großes Szenario der Leidenschaften, als würfe man ein brennendes Streichholz in ein Pulverfass. Mit der Lektüre des "Gefühlsmenschen" ist es wie mit einem Dieselmotor. Am Anfang bleibt der rasante Start aus, sogar ein schwerfälliges Stottern ist zu vernehmen, aber wenn er auf Touren kommt, gibt es kaum noch ein Halten. Javier Marias: Der Gefühlsmensch. A. d. Spanischen von Elke Wehr. Verlag Klett-Cotta, Preis 18 Euro, 188 Seiten.

 

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