"Ich bin doch nun einmal sein Zubehör"
Mit Katia Mann, deren Leben nie zuvor Thema eines eigenen Buches war, beschäftigen sich jetzt gleich zwei Biografien.
Hamburg. Für Thomas Mann und die Seinen gibt es keine Intimsphäre. Die Leserfamilie des deutschen Großschriftstellers kennt nicht nur seine Werke, sondern auch nahezu alle Facetten seiner problematischen Persönlichkeit. Längst ist die Öffentlichkeit über die latenten homoerotischen Neigungen des Lübecker Bürgersohns unterrichtet und liest etwa die Novelle "Tod in Venedig" seither mit anderen Augen. Dank der Tagebuch-Edition und des Fleißes seiner diversen Biografen kennt man das unterschiedlich ausgeprägte emotionale Engagement, das Thomas Mann seinen sechs Kindern entgegengebracht hat, und ist sogar darüber informiert, dass er sich noch fast 80-jährig in den Zürcher Hotelkellner Franzl Westermeier verliebte. Der Blick des Voyeurs ist - wie immer, wenn es um historische Persönlichkeiten geht - durch Kultur legitimiert. Und dieses kulturgeschichtlich geadelte voyeuristische Interesse erstreckt sich natürlich auch auf die Familie des Literatur-Nobelpreisträgers. Da erstaunt es, dass seine Frau Katia erst jetzt zum Thema eigenständiger biografischer Arbeiten geworden ist. Dafür wurde dieser weiße Fleck auf der Landkarte der Mann-Sekundärliteratur jetzt mit gleich zwei Katia-Mann-Biografien getilgt: "Frau Thomas Mann - Das Leben der Katharina Pringsheim" von Inge und Walter Jens sowie der von Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck verfasste Band "Katia Mann - Die Frau des Zauberers". Das Ehepaar Jens breitet das Leben der Katharina Pringsheim unter Zuhilfenahme vieler originaler Quellen aus: die jüdisch-großbürgerliche Herkunft, die enge Beziehung zu ihrem Zwillingsbruder, die Thomas Mann in seiner Novelle "Wälsungenblut" später in ein inzestuöses Verhältnis umdeuten sollte, die dominante Rolle, die die Mutter auch nach der Eheschließung einnahm, und natürlich Katias multifunktionale Stellung als Mutter, Ehefrau, Sekretärin, Kritikerin, Anregerin, Materiallieferantin, Managerin, Finanzberaterin - kurzum: als jene Person, die ihm nahezu jedes Ungemach vom Halse hielt und für jenes Maß an Luxus, Harmonie und Wohlbefinden sorgte, das für des Zauberers literarische Produktivität offenbar unerlässlich war. Inge und Walter Jens sind erfahrene Autoren, die flüssig und anschaulich, wenn auch manchmal etwas umständlich erzählen. Ein bisschen weniger Respekt vor dem literarischen Denkmal Thomas Mann hätte dem Text gut getan. Die ehrfurchtsvollen Autoren fühlen sich ein, haben für nahezu alles Verständnis. Immerhin wird eingeräumt, dass Katia als Mutter und Erzieherin fast auf ganzer Linie versagt hat. Aufschlussreicher ist jedoch die Schilderung des innigen Verhältnisses von Katia zu ihrer amerikanischen Freundin Molly Shenstone. Obwohl auch hier vieles im Dunkeln bleibt und der Charakter dieser Beziehung dem Leser nicht wirklich klar wird, zeigen die Briefe doch, dass sich Katia neben ihrer Rolle an der Seite Thomas Manns eigene Ansprüche bewahrt hat. Das erfahrene Biografinnen-Team Kirsten Jüngling und Brigitte Roßbeck betrachtet die Dinge etwas weniger respektvoll. Die Autorinnen konzentrieren sich stark auf das Verhältnis des Ehepaars. Eine entsagungsvolle Aufopferung können sie in Katias Rolle nicht erkennen, da sie sich ihres Anteils am Erfolg des Ehemannes sehr wohl bewusst gewesen sei. Außerdem habe ihr "Profit" in der Teilhabe am Weltruhm des Nobelpreisträgers bestanden. Doch in beiden Biofgrafien bleibt die Persönlichkeit der Katia Pringsheim letztlich rätselhaft. Was die schöne, steinreiche und hochbegabte Münchnerin tatsächlich bewegt haben mag, den "leberleidenden Rittmeister", wie Thomas Mann im Hause Pringsheim zunächst genannt wurde, zu heiraten und ihr Leben als "Zubehör" so ganz in den Dienst seines Schaffens zu stellen, wird nicht klar. Und angesichts der Thomas-Mann-Äußerung vom 30. Hochzeitstag, er würde diese Ehe nicht noch einmal wiederholen, da "das Peinliche doch überwogen" habe, fragt man sich schließlich, wie innig die eheliche Beziehung denn überhaupt gewesen sein kann. In ihren "Ungeschriebenen Memoiren" hat Katia Mann 1974 nicht ohne Bitterkeit erklärt, dass sie in ihrem Leben "nie das hätte tun können, was ich hätte tun wollen". Worin diese verhinderten Lebensziele jedoch bestanden haben könnten, auf diese zentrale Frage bleiben beide Biografien die Antwort schuldig. I. und W. Jens, Frau Thomas Mann, Rowohlt Verlag, 352 S., 19,90 Euro. K. Jüngling und B. Roßbeck, Die Frau des Zauberers - Katia Mann, Prpyläen Verlag, 416 S.




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