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Kultur & Live

Das Leben jenseits der 40 ist ein Überlebenstraining

"Die wechselnden Winde" ist ein Familienroman über Gefühle und die Wechselfälle des Lebens. Abendblatt-Interview mit der Schriftstellerin Almudena Grandes.

Die spanische Autorin Almudena Grandes (42) sorgte in den 80er-Jahren mit ihrem freizügigen Roman "Lulu" für Aufsehen. Das Buch wurde über eine Million Mal verkauft und in 20 Sprachen übersetzt. Nach vier eher zeitdokumentarischen Romanen legt Almudena Grandes nun mit "Die wechselnden Winde" einen klassischen Mehr-Generationen-Roman vor. Wir sprachen mit der Autorin. ABENDBLATT: Was war für Sie die Hauptmotivation, dieses Buch zu schreiben? GRANDES: Meine vier vorangegangenen Romane handelten immer von den emotionalen, sexuellen und ideologischen Konflikten meiner Generation. Sie spielten alle in Madrid und wollten eine Bestandsaufnahme sein und ein Zeugnis einer Welt bieten, die ich kannte, in der ich wirklich lebte. Als ich den letzten dieser Romane beendet hatte, wusste ich, dass sich diese Art des Erzählens erschöpft hatte. Ich war fast entsetzt darüber, dass mir diese Erkenntnis nicht schon eher kam. Ich wollte andere Geschichten erzählen. Und da fielen mir die Winde ein. ABENDBLATT: Aber der Wind macht noch keinen Roman. GRANDES: Nein, aber er war der Anfang. Wegen der Winde werden in Cadiz ganz ungewöhnliche Häuser gebaut. Hohe Mauern umschließen Haus und Grundstück, um den Garten vor dem Wind zu schützen. Es sind die idealen Häuser für Menschen, die etwas zu verbergen haben. Denn von außen weiß man nie, ob jemand im Haus ist oder nicht. Und das begann meine Fantasie anzuregen. In meinen anderen Romanen ging es um Frauen, die sich gegen den Rest der Welt durchsetzen wollten. Und jetzt kamen mir scheinbar normale Menschen in den Sinn, die an einem Punkt ihres Lebens fähig waren, etwas ganz Schreckliches zu tun, die ein zwiespältiges Verhältnis zur Moral hatten, weil es ihnen wichtiger war, Rache zu üben. Solche Leute wollte ich in diesen Häusern verstecken. ABENDBLATT: Die Figuren kommen mit ihrer Rache nicht sehr weit. Sie erkennen, dass Rache eine große Täuschung sein kann. GRANDES: Der Figur Sara bereitet es zwar großes Vergnügen, im Geist ihren Rachegedanken nachzugehen, aber sie erkennt, dass Rache etwas Kleines ist, wenn man sie in die Tat umsetzt. ABENDBLATT: Sara hat an einem Punkt ihres Lebens gar nichts mehr, sie sagt: Stolz sei nun das Einzige, was ihr bleibe. Bleibt in Spanien Stolz übrig, wenn einem alles genommen wird? GRANDES: Ich denke, dieses Bild von Spanien ist von Don Quijote geprägt, der ja stolz, großzügig und zugleich ein bisschen lächerlich war. Ich glaube schon, dass Stolz eine Art Nationalgefühl der Spanier ist. Selbst wenn die Leute nichts zu essen haben, sind sie dennoch stolz und versuchen, dass die Armut erst mal niemand mitbekommt. ABENDBLATT: Auf was sind sie stolz? GRANDES: Auf ihren Namen, ihre Familie, ihren Ursprung. Wenn den Menschen alles genommen ist, suchen sie dennoch weiter nach einer Quelle für ihren Stolz. Die Figur Sara findet sie in der Bürgerkriegsgeschichte ihres Vaters. ABENDBLATT: Das Schicksal ist in Ihrem Roman die mächtige Gewalt im Hintergrund. Warum spielt das Schicksal in spanischen und lateinamerikanischen Romanen so eine große Rolle und in den Romanen anderer europäischer Länder oder Nordamerikas überhaupt nicht? GRANDES: Die mediterranen Völker, vor allem Griechen und Römer, glaubten, dass jeder vom Schicksal abhängig sei. Für andere Europäer ist dieser Glaube eher befremdlich. Ich finde, dass das Schicksal einer Geschichte erst die richtige Würze gibt. Ich stelle in meinen Romanen gerne Figuren ins Zentrum, die ihre Sehnsüchte gegen das Schicksal durchsetzen wollen. Ich schreibe am liebsten über Überlebenskünstler. ABENDBLATT: Warum? GRANDES: Wenn meine Bücher auch zum Teil eine optimistische Sicht der Realität anbieten, glaube ich dennoch, dass das Leben an sich nicht einfach ist. Es ist manchmal mehr als ein Kampf, manchmal ist es so schwer zu ertragen wie eine Krankheit. Deshalb beschreibe ich gerne starke Charaktere, die sich von ihren Zielen auch dann nicht abbringen lassen, wenn alles andere gegen sie arbeitet. Ich bin also kein hundertprozentiger Optimist, denn ich glaube, dass das Leben jenseits von 40 ein Überlebenstraining ist. ABENDBLATT: Sie beschreiben sehr genau das erotische Empfinden von Männern. Wie ist es für Sie, beim Schreiben eine männliche Perspektive einzunehmen? GRANDES: Es ist nicht schwierig. Sex ist als physiologischer Akt nichts Bedeutsames für einen Schriftsteller, das Interessante ist das Verlangen. Ich habe meine Erfahrung von Verlangen in eine männliche Betrachtungsweise übertragen. Ich weiß nicht, was ein Mann genau fühlt, wenn er Liebe macht. Ich würde es sehr gerne wissen. Aber ich lebe mit einem Mann zusammen und habe viele männliche Freunde, und ich denke, dass sich männliches und weibliches Verlangen im Kern nicht stark voneinander unterscheiden. Interview: Cornelia Teufl. Almudena Grandes: Die wechselnden Winde, 640 S., Rowohlt Verlag, 24,90 Euro

 

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