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Kultur & Live

Im Einsatz für die Kultur in Kabul

Nach dem Terror der Taliban baut Renate Elsaeßer in Kabul das Goethe-Institut wieder auf.

ABENDBLATT: So schnell hat noch kein Goethe-Institut in einem Land nach dem Bürgerkrieg wiedereröffnet. Ist schnell auch gut? RENATE ELSAESSER: Wir haben noch gar nicht eröffnet. Ich bin nur seit September 2002 da und halte die Flagge hoch. Noch sitzt der EU-Botschafter im vorgesehenen Gebäude. Wir sind bisher die einzige Kulturinstitution, Deutschland hat traditionell intensivste Beziehungen zu Afghanistan. In den 70er-Jahren sind über 50 Prozent der deutschen Entwicklungshilfe hier investiert worden. In Kabul gab es 4000 deutsche Entwicklungshelfer, momentan sind es knapp 1000. Ich habe im Moment die höchsten Mittel von Goethe weltweit: eine Million Euro jährlich. ABENDBLATT: Wo konnten Sie kulturell anknüpfen? ELSAESSER: Am besten im Filmbereich. Beim Filmfest von Locarno hatte ich den Präsidenten von Afghan Film, Siddiqulla Barmak, kontaktiert. Er hat mit unserer Unterstützung den ersten Spielfilm nach der Talibanzeit gedreht: "Rainbow", eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Geschichte eines jungen Mädchens unter den Taliban. Vor einer Woche war Welturaufführung in Kabul. Atemlose Stille. Der Film ist jetzt für Cannes nominiert. Da kann die Welt sehen, was Afghanistan schon wieder macht. Im Theater und der Kunst gibt es so gut wie nichts. Die Kunst ist auf einem Niveau, das mich erschreckt. Wenn man Studenten der Kunstakademie fragt, was ihr Schwerpunkt ist, dann sagen sie immer: "alles". Sie sagen "alles", weil sie gar nicht wissen, was alles ist. Da muss man ganz, ganz unten anfangen. ABENDBLATT: Klingt nach Entwicklungshilfe . . . ELSAESSER: Es geht nicht darum deutsche Kultur vorzustellen, sondern nach den Kriegen und den Taliban - die Kultur bei Todesstrafe untersagt haben - Aufbauhilfe zu leisten. Natürlich auch, indem wir Deutsche für Workshops ins Land holen und umgekehrt. So hat Tom Stromberg den Regisseur Mahmoud Shah Salimi entdeckt und jetzt mit seinem Stück "Der Krieg und die Liebe" nach Hamburg eingeladen. Der trägt das, was er hier neu erfährt, weiter. Nach seiner Rückkehr wird er am Theater-Department lehren. Gerade habe ich einen jungen Mann aufgetrieben, der Theater mit Straßenkindern macht. Er hat - so klein ist die Szene - bei Salimi im Flüchtlingslager in Peshawar gelernt. ABENDBLATT: Gibt es Schulpflicht? ELSAESSER: Ob es ein Gesetz gibt, weiß ich nicht. Afghanistan ist noch kein Land der Gesetze. 85 Prozent der Afghanen sind Analphabeten. Viele ältere Mädchen gehen nicht in die Schule, weil sich sich schämen. 14-Jährige ohne Alphabetisierung müssten mit Sechsjährigen in eine Klasse. Deshalb gibt es Initiativen, die sie zu Hause unterrichten. ABENDBLATT: Wie sieht der Alltag in Kabul aus? ELSAESSER: Es gibt keine Post, Einladungen muss man selbst vorbeibringen. Das Telefon funktioniert so gut wie nie. Es gibt keine Infrastruktur, Elektrizität und fließendes Wasser nur in den besseren Vierteln. Notdurft wird öffentlich und überall verrichtet, von Frauen bei Dunkelheit. Allein gehe ich kaum noch auf die Straße. Es gibt marodierende Banden, Zehntausende junge Soldaten, die arbeitslos sind und Waffen haben. Die junge Generation ist total verwildert. Die hat nur Krieg erlebt, keine Schule, keine Erziehung. Viele kamen mit zehn Jahren zu einem Warlord. Was diese Stadt an Menschen aufnehmen muss! Etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Iran und zwei Millionen aus Pakistan. ABENDBLATT: Wie stark sind deutsche Unternehmen vertreten? ELSAESSER: Siemens hat gerade ein Büro unter der Leitung eines Deutsch-Afghanen eröffnet - demonstrativ in einem total zerstörten Stadtviertel. Sonst ist meines Wissens noch niemand da. Wer sollten denn die Abnehmer sein? ABENDBLATT: Wie wirkt sich der Irak-Krieg in Afghanistan aus? ELSAESSER: Direkt gar nicht. Die Afghanen haben sich noch nie mit den Arabern solidarisiert. Sie sehen auch Al Kaida als Import aus Pakistan und dem Ausland an. Karzai wird als Marionette der Amerikaner gesehen. Die einzige Integrationsfigur ist König Sahir Shah. Er ist zu alt, aber sein Sohn will sich jetzt aufbauen lassen. Interview: R. KASTNER / A. M.

 

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