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Kultur & Live

Als der Kalte Krieg seinen Anfang nahm

Nachkriegszeit: Dieter Meichsners Roman "Die Studenten von Berlin" thematisiert die Teilung des Landes in Ost und West.

Bei dem Namen Dieter Meichsner fallen einem sogleich Sternstunden des Fernsehens ein. Es waren große Würfe, die der einstige Chefdramaturg des NDR und TV-Autor unvergessen hingelegt hat. Mit Fontanes "Stechlin" (1975) setzte er sich selbst die Krone auf. Nun bringt sich der in Hamburg lebende Meichsner als Schriftsteller in Erinnerung, mit dem Roman "Die Studenten von Berlin", der die Anfänge der Demokratie, die Hinwendung des einen Teils der geschlagenen Nation zum Westen und die Spaltung dieses Landes an der Quelle seziert: in Berlin, wo die zwei Welten der Freiheit und Unfreiheit am unmittelbarsten aufeinander prallten. Es mag ein pikanter Zufall sein, dass Meichsners "Studenten" ausgerechnet jetzt - in einer Zeit erscheint, in der Deutschland und Amerika über atlantische Treue-Prinzipien hadern. Tauchen wir also in jene Vergangenheit ein, in der alles begann, als es noch nicht ganz zu Ende war, in die letzten Kriegswochen 1945. Sechs junge Menschen - Jutta, Herbert, Karl-Heinz, Helmut, Harald und Monika - erleben die letzten Zuckungen des Nazi-Reiches, sie sehen Menschen sterben, Städte verglühen und auf den Verbandsplätzen Eimer voller Menschenblut. Die sechs wissen voneinander nichts, sie leben in Sachsen, in Pommern, in Mecklenburg und in Berlin. Aber das Schicksal führt sie nach den Bombennächten und der Heimkehr aus der Gefangenschaft in der Trümmerwelt Berlins zusammen. Sie wollen teilnehmen am geistigen Wiederaufbau ihres Landes, das erlebte Unheil soll sich nie wiederholen, einer träumt von der Erlösung in einem "sozialistischen Europa". Das geistige Rüstzeug für eine neue, bessere Welt soll ihnen der wieder beginnende Lehrbetrieb in der Humboldt-Universität geben. Hier also beginnen sich die Lebensfäden der sechs Protagonisten zu verbinden - im Widerstreit, dann in Gemeinsamkeit, zu der sie eines Tages die geistig-politische Not zwingen wird. Sie treffen auf Kommunisten, auf Leute aus der Kirche, Sozialdemokraten und Liberale. Harald, der Sohn eines alten Sozialdemokraten, den die Nazis umbrachten, wird von Enthusiasten aufgefordert, ihr Kopf zu werden, beim Aufräumen mit der weltanschaulichen Intoleranz dabei zu sein. Meinungen wabern durch die Flure der Humboldt-Universität, erste Gegensätze markieren sich. Einer zitiert Lenins revolutionären Weg der raschen Operation. Andere erwidern: "Halt doch deine Klappe." Professor Rother, den die Nazis 1937 vertrieben hatten, predigt den Studenten, den "Schutt von unserem Irrweg" fortzuräumen. Die Gesinnungsschnüffelei, kaum dass die alte vorbei ist, keimt wieder auf. Einer erzählt: Früher sei man nach der arischen Großmutter gefragt worden, jetzt brauche man eine jüdische und einen proletarischen Großvater dazu, und womöglich müssten dann beide auch noch Antifaschisten gewesen sein. Das Klima in Berlin wird eisig. Die ersten Studenten verschwinden in russischen Kerkern. Marianne ruft ihren Kommilitonen zu, das seien "Gestapo-Methoden". Hier zeigen sich die Anfänge des Kalten Krieges. Ein anderes Schlaglicht: Als Herbert in den Westen reist, steht er eines Abends auf dem Bahnsteig von Hannover. Langsam rollt ein amerikanischer Schlafwagenzug an ihm vorbei. Hinter den hell erleuchteten Fenstern des Speisewagens sieht er weiß gedeckte Tische und in den Schlafabteilen glänzend poliertes Holz, weiße Bettwäsche und eine blonde geschminkte Frau, sie lächelt. Aber Herbert steht in der Finsternis - in der Gegenwelt des Leids. Dann der Bruch. Enttäuschte Studenten und Professoren kehren der Ost-Berliner Humboldt-Universität den Rücken. "Herr Professor, es ist so weit, dass Kommilitonen zum Widerstand auffordern und in den Westsektoren eine neue Universität eröffnen wollen." Am 4. Dezember 1948 wird in West-Berlin die "Freie Universität" gegründet. Auch der Student Dieter Meichsner "machte rüber", wie es fortan im traurigen Flucht-Jargon heißen wird. Mit ihm gehen seine sechs Romanfiguren, die wirkliche Figuren waren. Der Autor erfand ihre Namen, um die wahren Vorbilder zu schützen. Denn das Buch schrieb Meichsner bereits 1954, als es Flüchtlingen geraten war, keinen Fuß mehr auf DDR-Boden zu setzen. Die Rächer waren überall. Ja, das Manuskript ist alt, aber das hat nichts zu sagen. Dafür atmet es die Frische des gerade Erlebten und vermittelt Authentizität.

 

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