Sie kann auch anders
Marie Bäumer über ihren neuen, ernsten Film.
Hamburg. Schluss mit lustig. Erst mal. Ihre größten Leinwanderfolge hat Marie Bäumer bisher mit Komödien erzielt, doch jetzt dreht sich offenbar der Wind. Gerade erst war sie im TV-Mehrteiler "Napoleon" zu sehen, nun ist sie als eine der wenigen Hamburger bei der Berlinale vertreten. In Oskar Roehlers Beziehungsdrama "Der alte Affe Angst" spielt die 33-Jährige ihre bisher ernsteste Rolle. Sie ist Marie, eine Kinderärztin, die sich mit ihrem Partner, einem neurotischen Theater-Regisseur (Andre Hennicke), quälerische Kämpfe um ihre Beziehung liefert. Roehler, der gerne in die Vollen geht und dabei manchmal Erstaunliches ("Die Unberührbare"), dann wieder Unterirdisches ("Suck My Dick") abliefert, hat fast alles Elend dieser Welt in dieses Drama gelegt. Trotzdem, trotz einiger haarsträubender Dialoge und eines fragwürdigen Schlusses brillieren die Hauptdarsteller in diesem kammerspielartigen Film, der heute im Wettbewerb läuft. Marie Bäumer wurde für diese Rolle vor wenigen Wochen mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Marie Bäumer, kurz vor der Berlinale. Im Gegensatz zu ihrer Rolle kommt sie ganz unbeschwert ins Cafe, setzt sich und gähnt herzhaft. Na ja, 10.30 Uhr ist vielleicht für Schauspieler keine Zeit, aber sie hat einen fünf Jahre alten Sohn, der wohl schon seinen Tribut gefordert hat. Sie bestellt ein ansehnliches Frühstück, und schon bald lockert der frisch gepresste Orangensaft ihre Zunge. "Mein größtes Problem ist die Ungeduld", gesteht sie und redet los wie aufgezogen. "Tack, tack, tack, tack" würde sie durch den Alltag hetzen, von einer Aufgabe zur anderen. "Ich fühle mich manchmal, als ob an mir lauter gelbe Merkzettel kleben, die ich nacheinander abarbeite." Einer davon war der düstere und stark autobiografische Film von Roehler. Die Dreharbeiten, deutet sie an, seien nicht immer ganz einfach gewesen. "Ich habe zu Roehler gesagt: ,Deine Therapie sind Filme.' Manchmal habe ich am Set gestanden und mich gefragt: Willst du wirklich das Tagebuch eines anderen Menschen sein? Oft dachte ich: Nee, will ich nicht. Das Leben ist schön, das Leben ist schön!" Die Nach- und Vorteile bei diesem schwierigen Projekt lagen eng beieinander. "Was ich sofort gerochen habe, ist, dass es viel Platz zum Spielen gibt", schmunzelt sie. Und den nutzt sie mit ihrer Kamerapräsenz, mit viel Mut und Einsatz. Sie bringt Lebenserfahrung ein, die diese Rolle verlangt. "Mit 18 hätte ich das nicht spielen können", gibt sie zu. Vor einigen Tagen hat sie den fertig geschnittenen Film zum ersten Mal gesehen, hat sicherheitshalber ihren Vater und ihre hochschwangere Freundin mitgenommen. "Sie haben beide geweint. Eigentlich war es eine Zumutung von mir." Ihr Vater habe ihr am nächsten Tag seine Kinoerlebnisse aufgeschrieben: "Es ist der schönste Brief meines Lebens", schwärmt sie. Gegen Pathos hilft möglicherweise ein bisschen comic relief: "Entschuldigung, ich glaube, ich habe Sie gerade angespuckt!", erschrickt sie mitten in einer ihrer übersprudelnden Schilderungen. Eine Tröpfcheninfektion von Marie Bäumer? Ihr Kollege Andre Hennicke musste im Film weit mehr schlucken: In einer der wenigen glücklichen Situationen des Films bespucken sich die beiden aus lauter Liebe nach allen Regeln der Lama-Kunst: Geschmackssache. Überhaupt war viel Körpereinsatz gefragt. Nachdem Hennicke im Film von Bäumers Motorhaube auf die Straße geschleudert wurde, blieb er mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Und das war echt, denn der Schauspieler riss sich in dieser Szene mehrere Bänder in der Schulter. "Er sah danach aus wie der Glöckner von Notre Dame. Kurz bevor er ins Krankenhaus ging, sagte er zu mir: ,Marie, der Roehler will nicht nur unsere Seelen, der will auch unsere Körper.'" War es schwer, die bleischwere Problematik des Films nach Feierabend abzuschütteln? "Ich bin kein ,method actor', der Gefahr läuft, in dieser Gefühlssoße davonzuschwimmen", wehrt sie ab. Mit diesem Film hat sie ihrer Palette eine neue Farbe hinzugefügt. Die temperamentvolle und sich ihrer Wirkung bewusste Bäumer öffnet wie gedankenverloren ihr Haar und stapelt aber lieber tief, auch wenn sich schon die ersten professionellen Schulterklopfer bei ihrem Management gemeldet haben. "Was ich gemacht habe, hätten in meiner Altersklasse mindestens eine Hand voll Frauen spielen können. Es ist manchmal einfach nur Glück, wenn man dieses Forum bekommt." Heute bekommt sie es. Ihre Erwartungen: "Nicht verrückt machen!




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