Bereuen und Verzeihen
Charlotte Schwab ist durch Fernsehproduktionen populär geworden. In "Purgatory" an den Kammerspielen spielt sie jetzt die Medea.
Hamburg. Sie spielte an vielen Theatern zwischen Berlin und Zürich, gehörte zuletzt von 1989 bis 1995 zum Thalia-Ensemble, wurde dem breiteren Publikum bekannt durch Fernsehfilme, "Tatort"-Auftritte und als Lübecker Kommissarin Marion Ahrens. Für die moderne Medea in der "Purgatory"-Uraufführung an den Hamburger Kammerspielen hat die Schauspielerin jedoch liebend gern eine Drehpause eingelegt. Partner in Peter Löschers Inszenierung von Ariel Dorfmans politisch aktuellem Läuterungsspiel ist Herbert Knaup. ABENDBLATT: Haben Sie beide schon einmal gemeinsam vor der Kamera gestanden? CHARLOTTE SCHWAB: Nein, aber wir verstehen uns sehr gut. Das Stück verlangt viel, da ist Vertrauen zum Partner eine Voraussetzung, um sich öffnen zu können. ABENDBLATT: Hat Ihnen das Theaterspielen gefehlt? SCHWAB: Als Schauspielerin, die 24 Jahre lang auf der Bühne stand, vermisse ich das Theater immer. Was die guten und schlechten Seiten angeht. Man darf es mit dem Drehen nicht vergleichen. Das ist ein anderer Beruf. Theaterstücke sind präziser, interessanter und meist vielschichtiger. ABENDBLATT: Gibts Positives am Filmen - außer den viel höheren Gagen? SCHWAB: Vor der Kamera zu stehen fordert, auf den Punkt konzentriert zu sein. Was mir außerdem gefällt: Hat man abgedreht, ist die Sache für mich erledigt. Theaterspielen ist auch Reproduzieren. Man will das immer so gut und so gleich wie möglich machen. Aber das gelingt halt nicht. So etwas kann ich mir nicht vornehmen, ich kann mich nur optimal darauf vorbereiten. Jeder Abend fällt etwas anders aus. Darin liegen auch Reiz und Spannung. ABENDBLATT: Medea und Jason sind in "Purgatory" ein modernes Paar, das seit 2000 Jahren im Fegefeuer von Hass und Liebe kreist. SCHWAB: Eigentlich sind das Tote. Wir können es aber nicht anders spielen als möglichst lebendig. ABENDBLATT: Hat Sie das Stück oder die Rolle der Medea gereizt? SCHWAB: Beides ist nicht voneinander zu trennen. Das Stück hat mehrere Ebenen: Es geht um einen Mann und um eine Frau, um Liebe, Hass und Rache. Aber vor allem um Bereuen und Verzeihen. Im Fegefeuer soll der eine den anderen dazu bringen, um die Erlösung zu finden. ABENDBLATT: Sie spielen eigentlich Doppelrollen: Jeder übernimmt doch auch den Part des Verhörers? SCHWAB: Ich verhöre Jason und er mich. Wir dürfen einander aber nicht zu erkennen geben. Das gehört zu den Spielregeln im Fegefeuer. ABENDBLATT: Die Verhörsituation hat doch etwas von einem Krimi? SCHWAB: Stimmt. Der eine will vom anderen ein Geständnis und versucht, es mit allen Methoden zu erreichen. Aber vor allem hat das mit Dorfmans politischen Erfahrungen in Chile unter Diktator Pinochet zu tun. Und dem Konflikt, ob man seinem Feind vergeben kann oder nur Vergeltung will. Nimmt ein Regisseur wie Peter Löscher das Stück ernst und drückt sich nicht darum, dann müssen wir Schauspieler bar bezahlen und uns seelisch nackt zeigen. ABENDBLATT: Kann man diese Stückproblematik auf den 11. September beziehen? SCHWAB: So schrecklich das Ereignis war, es einfach nur zu verdammen und zu rächen geht auch nicht. Wir müssen uns zuvor fragen, warum ist es denn passiert, und wie konnte es dazu kommen? ABENDBLATT: Verteidigen Sie die Verbrechen von Medea? SCHWAB: Ich versuche, sie zu verstehen. Sie hat sehr viel für Jason geopfert, ihre Heimat verlassen, wird jedoch von ihm als Fremde und Wilde verstoßen. Sie ist die erste Frau, die sich gegen dieses Frauenlos und die Männervorrechte gewehrt hat. Gegen eine Justiz, die mit zweierlei Maß urteilt. Bei Euripides versucht der Frauenchor Medea zu beruhigen: Es geht uns allen so. Wir haben keine Rechte. Füge dich. Aus Stolz tötet sie ihre Kinder, auch um sich an Jason zu rächen, der sie für eine andere und die Politkarriere verlässt. Ich bemühe mich, Medea eine gute Anwältin zu sein. Kammerspiele, Hartungstr. 9-11, heute öffentliche Voraufführung, morgen Uraufführung, jeweils 20 Uhr.



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